Twitter ist nicht immer effektiv. Na und?

23. Juni 2010

Es ist kein Wunder, dass Twitter Menschen außerhalb der Medienbranche nur schwer nahe zu bringen ist. Gefühlte 90 Prozent der deutschen Twitter-User schließlich sind Angehörige genau dieser Branche, und so entsteht ein gewissermaßen inzestuöser Charakter dieser Plattform, der das Treiben dort allen Außenstehenden eher als sinnfreie Spielerei und Zeitverschwendung erscheinen lässt.

Doch auch innerhalb der Medienschaffenden, und hier besonders innerhalb der Buchbranche, können sich viele, die man dort erwarten würde, noch immer nicht so recht mit dem Gezwitscher anfreunden.

Und wirklich fördert das offenbar angeborene Mitteilungsbedürfnis vieler Neu- und Alt-Buchhändler (auch bekannt als Antiquare), Verlagsleute, Autoren und Blogger erstaunliche Erkenntnisse über deren Privatleben zutage, bei denen die Frage nach dem Nutzen kaum zufriedenstellend wird beantwortet werden können.

Aber ist deswegen alles nichts wert, was über den Zwitscherkanal geht? Oder sehen wir uns hier auf eine Tugend zurückgeworfen, die schon die Nutzung von Offline-Medien bisweilen erschwert hat: das Treffen einer Auswahl, das Filtern von Informationen sowie den Mut zur Lücke?

Letzteres dürfte der Fall sein. Twitter, genauso wie andere Social-Media-Plattformen, gleicht derzeit noch einer großen Spielwiese. Jeder darf alles ausprobieren und muss sich wenig Gedanken darüber machen, ob er die anderen mit seinem Tun nervt. Denn die können ihn schließlich ausblenden und wegklicken.

Vielleicht kann in Zeiten der Fußball-WM aber auch die Analogie zum Testspiel zeigen, worum es geht. So wie in Testspielen oftmals alle in Frage kommenden Spieler zum Einsatz kommen und das Ergebnis zweitrangig ist, so probieren derzeit bei Twitter und Co. viele vieles aus und nehmen in Kauf, wenn etwas nicht funktioniert.

Wenn jedoch das Turnier startet, sprich: die Nutzung der sozialen Medien sich zunehmend professionalisiert, werden die, die viel trainiert haben, vorne dabei sein und so manches „No-go“ bereits ausgeschlossen haben. Wer glaubt, auf den fahrenden Zug aufspringen zu können, wenn dieser bereits Tempo aufgenommen hat, muss sich nicht wundern, wenn er sofort wieder runterfällt.

Und was das scheinbar überflüssige oder vielleicht manches Mal sogar peinliche Privatgezwitscher angeht: seien wir ehrlich, nichts anderes machen wir seit Jahren auf Messen, Tagungen, Vertreterbesuchen, zufälligen Treffen. Fachgespräche führen, Informationen aufnehmen und gleichzeitig erfahren, wie der andere „tickt“: man nennt es auch „menschliche Kommunikation“. Das ist bei Twitter nicht anders als auf der Buchmesseparty oder dem Pausenkaffee beim Seminar.

4 Kommentare zu “Twitter ist nicht immer effektiv. Na und?”

  1. Mit einem Unterschied:
    Beim Pausenkaffee oder am Messestand wähle ich aus, wem ich meine privaten Geschichten anvertraue. Solche Gespräche mit Twitter zu vergleichen, würde doch bedeuten, sich auf der Buchmesse ein Megafon zu schnappen und meine Befindlichkeiten durch die Messehalle zu brüllen oder? Schließlich kann jeder, der es möchte, meine Twittereien lesen. Hören kann mich aber noch lange nicht jeder.

    Liebe Grüße
    Jutta

  2. Ja, das hast du gut getroffen, Carsten. Der “inzestuöse Charakter” der Social Media Welt sollte nicht verschwiegen werden. Auf der anderen Seite ist es in Twitter so, dass sich hier gerade ein, sagen wir, elitäres Grüppchen bildet. Noch ist es also möglich, wichtige “Rosinen” aus dem überschaubaren Kuchen herauszupicken. Alsbald wird das natürlich nicht mehr möglich sein. Aber wie auch immer man diese Tools verwendet, am Ende steht immer noch die “menschliche Kommunikation”. Die wird wohl nie abgeschafft werden. Und das ist gut so :-)

  3. @Jutta: Prinzipiell kann man diesen Unterschied machen, klar. Trotzdem denke ich, dass es Analogien gibt. Bei Twitter entscheidest Du Dich hinsichtlich eines viel größeren “Mitwisser”-Kreises, nichtsdestotrotz kannst Du immer noch sagen: das Eine dürfen alle wissen, das andere bleibt privat. Und letztlich kannst Du auf der Messe auch nicht kontrollieren, ob die Infos nicht durch Dritte weiter gegeben werden…

    @Richard: Das ist ganz wichtig, wie wir ja auch beide wissen und umsetzen: Ziel ist es immer, sich persönlich kennen zu lernen und Gemeinsamkeiten zu entdecken. Die Technik muss dafür das Vehikel bleiben und nicht der Ersatz…

  4. Das ist nicht zuletzt eine Frage der Zeitökonomie. Ich stelle für Langendorfs Dienst einmal täglich eine Sachinformation bei Twitter ein, normalerweise die Schlagzeile des Tages. Der Aufwand ist minimal, die Resonanz auch und erst recht der Ertrag an Ideen. Aber es ist eine so kleine Nummer, dass ich das Spielchen vorerst weiter mitspiele.

    Beim Überfliegen von Beiträgen Anderer wird aber der inzestuöse Charakter des Twitterns überdeutlich, und ich persönlich meine, dass sich hier keine gewaltige Welle aufbaut, auf der man so früh wie möglich reiten muss, sondern dass die Leute auch Twitter, Facbook etc irgendwann wieder leid sind und sich einem anderen Neureiz zuwenden. Oder lebt von uns noch irgendwer im “Second life”?

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