“Ein Buch für alle, die…” – Über Sinn und Unsinn von Klappentexten

28. Juni 2010

Bücherschreiben ist ein einsames Geschäft. Monatelang (man hört auch von Jahren) sitzt der Autor vor seinem Manuskript, manchmal ringt er um jedes Wort, manchmal fließen die Gedanken nur so aus den Fingern in die Tastatur (bisweilen hört man auch von denen, die ihre Gedankenwelt noch per Hand aufs Blatt übertragen).

Irgendwann jedoch naht der Zeitpunkt der Fertigstellung, Publikationstermine scheinen an einem für den Autor seltsamerweise immer fernen Horizont auf. Spätestens jetzt beginnen im Verlag, der sich freundlicherweise bereit erklärt hat, das Kunstwerk zu drucken und der wartenden Menschheit zu verkaufen, die üblichen Prozesse abzulaufen.

Dazu gehört, dass irgendwann über Klappentexte gesprochen werden muss. Bisweilen bekommt der Autor dabei ein scheinbares Mitspracherecht.

Das heißt, er, der doch ohnehin noch mit dem eigentlichen Text beschäftigt ist, ihm den letzten, entscheidenden Schliff angedeihen lässt, soll nun in einigen dürren Zeilen zusammenfassen, was ihn in den letzten Monaten davon abgehalten hat, ins Kino zu gehen, Freunde zu treffen oder dem Aufwachsen seiner Kinder mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Liest man in der Buchhandlung Klappentexte quer, ist klar, dass die wenigsten davon aus der Feder des Autors stammen. Im Gegenteil: Die Marketingabteilungen haben zugeschlagen, ganz tief in den Baukasten mit den Klappentext-Bauklötzchen gefasst und daraus einen Text gebastelt, der komischerweise (oder eben logischerweise) immer gleich klingt.

Enormer Beliebtheit erfreut sich beispielsweise die Formulierung „Ein Buch für alle, die…“ Hier hat der amazonisierte Zeitgeist voll zugeschlagen. „Wer Buch xy kaufte, kaufte auch dieses und jenes Buch“… Was bei amazon und Co. Noch als legitime Verkaufsstrategie durchgehen mag, ist für Klappentexte eigentlich eine Dummheit. Wie soll der Kunde sich für oder gegen ein Buch entscheiden, wenn er aus dem Klappentext nur erfährt, dass er sich eigentlich dagegen entscheiden müsste, weil er gar nicht zur Zielgruppe gehört? Warum steht im Klappentext wenig über den Inhalt des Buches, dass der Kunde in der Hand hat und viel über den Inhalt von Büchern, die in diesem Moment der Kaufentscheidung eigentlich gar keine Rolle spielen?

Nietzsche gab dem Zarathustra den Untertitel „Ein Buch für Alle und Keinen“, da er wohl unter seinen Zeitgenossen niemanden sah, der dieses Textes würdig sei. „Ein Buch für alle, die…“ zeugt von nietzscheanisch inspiriertem Denken in den Verlagen: Es sollen gar nicht alle Leser dieses Buch lesen, sondern eben nur die, die… Die anderen werden’s eh nicht verstehen.

Diese und andere Formulierungen fallen unter das Motto „Gut gedacht, schlecht gemacht“. Der mündige Leser braucht einen informativen Klappentext, der in zugespitzter Form den Inhalt und die Botschaft des Textes ausdrückt. Was er nicht braucht, ist eine Bevormundung durch den Verlag.

2 Kommentare zu ““Ein Buch für alle, die…” – Über Sinn und Unsinn von Klappentexten”

  1. Ja, lieber Carsten, so ist es. Diese Erfahrung habe ich vor allem bei den größeren Verlagen gemacht. Marketing geht vor Buchsinn. Bei den kleinen Verlagen ist die Betreuung noch persönlicher und der Autor darf am Klappentext mitarbeiten. Meistens jedenfalls …
    Herzlichen Glückwunsch zum neuen Blog, freue mich auf viele weitere Artikel :-)
    Viele Grüße, Heike

  2. Liebe Heike,

    danke für die Zustimmung, ich glaube, dass viele Autoren diese Erfahrung machen (müssen). Die Macht der Nicht-Programmleute in den Verlagen ist groß, ihre Wichtigkeit bisweilen überschätzt.

    Beste Grüße,
    Carsten

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