Nicht jede unabhängige Buchhandlung ist ein toller Laden. Aber viele!

22. Juli 2010

Der Abgesang auf den unabhängigen Buchhandel klassischer Prägung ist mittlerweile die musikalische Hintergrunduntermalung für jegliche Diskussion über den Handel mit Büchern. Mal sind es die großen Ketten, die den Garaus bedeuten, mal die Amazons dieser Welt, dann das eBook als solches und nicht zuletzt der sinkende Bildungsgrad und Anspruch der potenziellen Käuferschichten.

Fast wundert man sich auf Reisen über die Menge an kleinen Buchläden, die einem unerwartet in Städten jedweder Größe dann doch begegnen, und man fragt sich automatisch: wie machen die das nur, warum sind die noch nicht gefressen worden?

Sicher: es sind immer wieder Läden darunter, bei denen man ernsthaft die weitere Existenzberechtigung anzweifeln könnte. Das gilt allerdings genauso für Schuhläden, Klamottenläden, Schmuckläden usw.. Auch diverse Fälle von offensichtlicher Selbstausbeutung sind mir in den letzten Jahren aufgefallen, nicht immer versteht man, warum die Inhaber sich das noch antun bzw. warum und wann sie den Absprung verpasst haben.

Doch statt ob solcher Phänomene einfach in den anschwellenden Abgesang einzustimmen, ist es doch viel sinnvoller, darüber nachzudenken, warum so manch unabhängiger Buchladen sich eben doch neben all der Konkurrenz behaupten kann.

Das einzige Patentrezept dabei dürfte sein, nicht nach Patentrezepten zu suchen. Es gibt ihn nicht, den erfolgreichen Buchladen vom Reißbrett, auch wenn der eine oder andere Betriebsberater das bisweilen tatsächlich zu glauben scheint. Es ist vielmehr eine Vielzahl individueller Faktoren, deren Mischung beim Publikum ankommt.

Freundlichkeit ist so ein Faktor. Ja, Freundlichkeit. Das ist beispielsweise, wenn man Kunden beim Eintreten begrüßt oder wenn man im Gespräch lächelt oder wenn man auf komplizierte Anfragen nicht mit „ham wa nich“ reagiert. Oder oder oder. Das ist selbstverständlich, meinen Sie? Keineswegs… Es ist nicht schwer, Läden zu finden, in denen die „Gefahr“ angesprochen und nach Wünschen gefragt zu werden, sehr klein ist. Und Buchhändler/innen, denen ich ihre aktuelle Stimmungslage aus dem Gesicht hätte ablesen können, sind mir auch schon oft genug begegnet.

Andere schaffen es hingegen, sofort das Gefühl zu vermitteln, in diesem Laden willkommen zu sein. Sie strahlen Freundlichkeit aus, ohne aufdringlich zu wirken.

Marketing ist auch ein Faktor. Erfolgreich sind oft die Buchhandlungen, deren Inhaber und Mitarbeiter verstanden haben, dass man den Leuten draußen ruhig mal von sich aus erzählen darf, wie gut man ist. Denn oft merken die das sonst gar nicht. Und kommen dann auch nicht. Und erzählen es auch nicht weiter. Marketing kann dabei vieles sein. Vom einheitlichen Erscheinungsbild (neudeutsch: Corporate Design) bis zu unverwechselbaren Veranstaltungen ist da vieles möglich. Nur darauf zu hoffen, dass die Aura guter Bücher die Menschen in den Laden lockt, reicht jedenfalls nicht.

Dass Marketing dabei keineswegs die finanziellen Möglichkeiten kleinerer Läden übersteigen muss, beweisen dabei viele, die mit viel Liebe zum Detail und witzigen Ideen Tragetaschen, Lesezeichen, Gutscheine und anderes gestalten oder sich in ihrem Umfeld als der Garant für (Klein)Kunst und Kultur etabliert haben.

Sogar Sauberkeit und Ordnung können Faktoren sein. Der Glaube seines Inhabers, Bücher hätten was mit Kreativität zu tun, und Kreativität und Chaos gehörten zusammen, ist manch einem Laden anzusehen. Da erinnert die Ordnung in Regalen und auf Tischen eher an die klassische Flohmarkt-Grabbelkiste, nach der sich niemand bücken mag.

Damit sind nur einige Punkte angesprochen, es gibt so viele mehr (die hier gerne in Kommentaren ergänzt werden dürfen!). Gelungene Beispiele für unabhängigen Buchhandel, wo diese und weitere Faktoren bedacht und toll umgesetzt worden sind, finden sich allerorten, in der Provinz so gut wie in Großstädten (dort sind es oft die Stadtteilbuchhandlungen, hinter denen sich wahre Perlen verbergen).

Es kann also klappen mit der kleinen und guten Buchhandlung, wenn man seine Kunden ernst nimmt, versucht, sie kennen zu lernen und sie König sein zu lassen.

Insofern: Geht offenen Auges durch die Buchhandelslandschaft, lasst den Abgesang Abgesang sein, entdeckt die Perlen, freut Euch an ihnen und erzählt von ihnen!

2 Kommentare zu “Nicht jede unabhängige Buchhandlung ist ein toller Laden. Aber viele!”

  1. Den Punkt mit der Ordnung habe ich jetzt mal geflissentlich übersehen… Dass sich die Perlen oft in der Provinz oder in den Stadtteilen befinden, hängt sicherlich auch mit dem Mietspiegel zusammen. In 1A-Lage kann selbst in kleineren Städten ein unabhängiger Buchhändler nur mithalten, wenn ihm das Haus gehört (und dies ist oft eine Milchmädchenrechnung und geht nur solange gut, bis ein Nachfolger gesucht wird). Ansonsten heisst es: Ausweichen auf Randlage und mit Fachwissen, guter, vielleicht sogar spezialisierter Auswahl punkten. Mainstream wird auch im Einkaufszentrum gekauft.

  2. Da spielen sicher viele Faktoren rein, auch Größe der Stadt (unterhalb des Fillialisten-Radars ist ja noch einiges an Masse). Prinzipiell halte ich auch Buchhandelsketten, die immer mehr in Non-Book-Bereiche vordringen, für ein Problem, da es oft große Unterschiede im jeweiligen Sortiment gibt. Kritisch wird es für die kleinen Buchhandlungen, mit Online-Versendern, die ein fast unbegrenztes Angebot, gute Lieferkonditionen und eine Beratungsleistung aus der Crowd haben.

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