Zwei Journalisten im Offline-Wunderland. Sowas wie eine Rezension

16. August 2010

Alex Rühle und Christian Koch waren offline. Ersterer ein halbes Jahr, letzterer sechs Wochen. Und da schreiben nun mal ihr Job ist, haben sie gleich mal so ein altmodisches Ding daraus gemacht, für das man nicht mal ein Lesegerät braucht.

Die Verlage Klett-Cotta (Rühle) und Blanvalet (Koch) haben’s gedruckt, und nun dürfen wir Blogger, Twitterer, Facebooker und sonstigen Online-Afficionados überlegen, ob wir uns darin wiederfinden oder nicht.

Blöderweise muss ich gestehen: hätte ich in beiden Büchern alle Stellen markiert, an denen ich mich wiederfinde, hätte ein einzelner Block mit diesen bunten „Pagemarkern“ wohl nicht ausgereicht. Beide beschreiben anschaulich im Tagebuchstil, wie sehr ihnen das stete On-Sein in Fleisch und Blut übergegangen ist, und es überkommt einen ein seltsames Gefühl der Komplizenschaft.

Beiden Texten merkt man die gleiche Schwierigkeit an. Sowohl Rühle als auch Koch sind als professionelle Textdienstleister natürlich hoch-reflexiv und schaffen sehr schöne selbst-ironische Passagen. Doch wohnt gerade diesen Passagen ein merkwürdiger Rechtfertigungszwang inne. Natürlich kommen sowohl Rühle als auch Koch zu dem Schluss, dass ihnen die Offline-Zeit qualitativ manches gebracht habe. Und doch lassen beide wenige Gelegenheiten aus, die Segnungen des Internets zu preisen. Man fragt sich an diesen Stellen, woran dieses geradezu zwanghaft anmutende Hochjubeln des Suchttreibers, von dem man sich doch gerade lösen will, liegt. Es ist doch kaum davon auszugehen, dass allzu viele Leser zu diesen Büchern greifen, die nicht ohnehin wissen, dass man online eine ganze Menge sinnvoller Dinge tun kann.

Ist es vielleicht so, dass diejenigen in der Netzgemeinde, die vor allem immer die Auswirkungen auf Freiheit und Toleranz preisen, in Wirklichkeit oft genauso engstirnig und intolerant vorgehen wie die anderen, denen sie genau dies vorwerfen? In der aktuellen Debatte um Google StreetView ist das wieder sehr schön zu sehen. Kaum wagt es jemand, ein kritisches Wort zu äußern, wird er von den üblichen Verdächtigen niederironisiert, der Mann mit dem roten Irokesen auf dem Kopf geht da gerne voran. Das hat schon was quasi-religiöses, dieser Eifer, mit dem hier Ungläubige bekehrt werden sollen.

Doch zurück zu Rühle und Koch. Der Unterschied zwischen beiden Büchern liegt hauptsächlich im Tonfall. Rühle merkt man seinen Brotjob als Feuilleton-Redakteur der SZ an, seine Tagebucheinträge klingen doch sehr viel gesetzter und nachdenklicher als bei Koch. Dieser, hauptberuflich vor allem für das Lifestyle-Magazin Neon unterwegs, trifft auch im Buch eher den lockeren, coolen Ton der Digital Immigrants, die so gerne Natives wären.

Ganz ehrlich: ich habe die Bücher vor allem gelesen, weil ich weiß: ich möchte so ein Experiment gar nicht machen. Ich vertraue einfach weiter drauf, den Ausschalter zu finden, wenn es nötig ist und genieße ansonsten weiterhin ernste und alberne Tweets, obskure Einträge auf Facebook, Auftragsanfragen via XING und was das Netz sonst noch so zu bieten hat. Ich glaube, dass das besser funktioniert als ein verordneter Offline-Tag, wie Rühle es am Ende seines Buches vorschlägt.

Gelohnt hat sich die Lektüre indes allemal, schärfen doch viele Beobachtungen beider Autoren noch mal den eigenen Blick aufs Surfverhalten. Und ich schwöre: während der Buch-Lektüre habe ich weder getwittert, noch Mails abgerufen… Ich war einfach nur… Offline.

7 Kommentare zu “Zwei Journalisten im Offline-Wunderland. Sowas wie eine Rezension”

  1. Die Veröffentlichtung beider Bücher habe ich zur Kenntnis genommen, ebenso, wie häufig im Radio oder in den Printmedien eifrig darauf hingewiesen wurde. Ich bin da sehr zwiegespalten. Ich habe beide Bücher nicht gelesen (so tief reichte mein Interesse bisher nicht), sondern nur die Berichterstattung verfolgt, soweit sie mir auffiel. Mit den folgenden Bemerkungen meine ich daher diese Berichte in Radio und Print. Grundsätzlich haben solche Fastenprojekte und die Berichte darüber einen gewissen Reiz. Sei es zum Abgleich mit den eigenen Erfahrungen, sei es als Anreiz, fastenderweise eigene Erfahrungen zu machen. Oder auc nur zu denken: “Jesses, das muß einem aber auch erstmal einfallen.”
    Egal, ob es nun um den Verzicht auf Nahrung, bestimmte Getränke, motorisierte Gefährte oder, wie hier, auf Kommunikation und Information via Internet geht. Was mich stört, ist die Grundannahme in den Berichten über solche Experminente, Verzichtende seien zunächst mal die besseren Menschen. Das bekommt schnell etwas Quasi-Religiöses. Außerdem nervt mich das öffentliche Geraune um diese beiden oder vergleichbare Bücher. Konvertiten sind ja mitunter die eifrigsten Gläubigen, wie auch die militantesten Nichtraucher nicht selten Ex-Raucher sind. Ich erlebe Verzicht selber als grundsätzlich bereichernd – vor allem dann, wenn ein Ende des Verzichts absehbar ist und auf freiwilliger Basis beruht.
    Ich nutze hin und wieder gerne ein Auto, muß aber nicht unentwegt darin herumfahren oder ein bis zwei eigene besitzen. Ich sähe es gern, wenn es weniger von den Dingern gäbe – jedoch aus anderen, nicht aus Fasten-Gründen. Ich fahre liebend gern Rad und grundsätzlich auch mit der Bahn – möchte aber weder mit dem einen noch mit dem anderen unbedingt jede Strecke zurücklegen. Ich gehe gern zu Fuß, ob wandernd oder bummelnd. Es käme mir aber nicht in den Sinn, eine dieser Fortbewegungsmöglichkeiten “zu fasten”.

    Ich erlebe meine eigene Internetnutzung als sehr unterschiedlich. Manchmal Intensivtäterin, manchmal mag ich Bildschirme tagelang nicht sehen. Ich habe keine Schwierigkeiten damit, Zeit mit mir zu verbringen und finde viele Möglichkeiten, abseits des Internet mein Leben zu leben. Das Internet finde ich bereichernd, nicht zuletzt durch die Kontakte zu “Gesinnungsgenossen” und liebenswerten Menschen sowie die skurrilen Fundstücke und die faszinierende Kreativität, die durchs Netz freigesetzt und auffindbar wird. Von den nützlichen Aspekten des Internet (z.B. Bahn- oder Hotelbuchungen, Google Maps) mal ganz abgesehen, die ich inzwischen als so selbstverständlich annehme, daß mir der völlige Verzicht darauf gar nicht in den Sinn käme und entsprechend schwerfiele.
    Eigenes Verhalten oder eigenen Konsum zu hinterfragen, auch mittels solcher Fastenprojekte, kann etwas Erfrischendes haben. Darüber zu schreiben ist auch schön und gut. Was die öffentliche Debatte gerade beim Thema Internet angeht, bekomme ich allerdings gerne einen Affen und weiß nicht, ob ich mich aufregen soll oder müde abwinken. Oder darüber twittern bzw. dieses Thema bei einem der nächsten Twittagsessen oder Quasselcamps auf den Tisch zu bringen ;-).

  2. Es ist doch einfach so, dass man es sich in vielen Berufen kaum noch leisten kann, dauerhaft auf das Internet zu verzichten. Natürlich kommt es darauf an, die richtige Menge, die richtige Balance zu finden. Das ist aber letztlich bei fast allem so, was wir im Leben machen. Phasen, in denen man es übertreibt (vor allem, wenn man etwas Neues ausprobiert) wechseln dann mit Phasen ab, in denen das reale Leben einen so in Trab hält, dass man froh ist, wenn man den Rechner abschalten kann. Nachdem ich das Gefühl hatte, dass alle ihre innere Befindlichkeit auf dem Jakobsweg überprüfen mussten, wird nun das Befinden bei Netzabstinez auf die Probe gestellt. Demnächst ist dann wieder ein neues Thema in. Das so etwas eine amüsante Lektüre sein kann, steht außer Frage, ob die Leserschaft all diese Selbstreflexionen wirklich benötigt, steht auf einem ganz anderen Blatt.

  3. @Wibke Ist es eigentlich ein Qualitätsmerkmal für den Ausgangsbeitrag, wenn die Antwort länger ausfällt als der Ursprungstext? :-)

    Ich hatte nicht unbedingt den Eindruck, dass die Autoren sich auf Grund ihres Experimentes als was Besseres fühlen. Bei beiden wird natürlich auch der Reiz/die Möglichkeit, ein Buch draus zu machen, ein Antreiber für die Absolutheit des Offline-Seins gewesen sein.

    Ansonsten: Zustimmung. Ich kann den Rechner auch ganz gut in ausgeschaltetem Zustand stehen sehen. Und das Handy ausstellen, wenn es droht, zu stören. Aber generelle, fest verordnete Offline-Zeiten wären nichts für mich.

    @Daniela: Als Journalist ohne Netz auszukommen, war ja Bestandteil des Experiments, und zumindest Koch berichtet, dass es ihn wohl mindestens drei potenzielle Aufträge gekostet hat, keine Mails abzurufen. Das muss man sich natürlich leisten können und wollen… :-)

    Wer von uns ehrlich ist, wird ab und an ein klein wenig Suchtverhalten auch bei sich selbst erkennen, denke ich. Insofern halte ich diese Bücher nicht für überflüssig, wenn man auf Grund der darin enthaltenen Erkenntnisse sein eigenes Verhalten mal kritisch prüft.

  4. Ein KLEIN WENIG Suchtverhalten? Oh ja, durchaus, phasenweise. Aber es ist ja nicht so, dass man das nicht selber merken würde. Ich halte solche Bücher auch nicht generell für überflüssig. Es kann sogar gut sein, dass ich sie mit Interesse und/oder Spaß lesen würde. Aber ich empfinde es schon manchmal als ein wenig nervig, wenn man aus jedem kleinen Experiment im Leben ein Buch macht oder es im Internet seziert. Das funktioniert ja auch nur, weil es neu ist. Ein Buch über vier Wochen Fernsehabstinenz lockt keinen mehr hinterm Ofen vor.

    Martenstein hat ja vor ein paar Tagen einen netten satirischen Artikel über die aktuelle Sounsolange-ohne-irgendwas-Manie geschrieben: http://www.zeit.de/2010/33/Martenstein

  5. @Carsten Da ich mich andernorts auf 140 Zeichen beschränken muß, nutze ich die Gelegenheit hier doch gerne, auch mal ganze Sätze zu formulieren ;-). Ich meinte auch nicht, daß die Autoren sich als etwas “Besseres” darstellen, sondern mir geht der Ton in den Medien zu diesen beiden Büchern auf die Nerven. Aber vermutlich, weil ich die www-phobischen Geister dahinter zu hören meine, die das Web allgemein ungeheuer gern verteufeln und Ängste bei den Menschen schüren, die (noch) nicht im Web unterwegs sind (s. StreetView).
    @Daniela Den Martenstein-Artikel hatte ich auch gelesen – wunderbar! Schließe mich in allem Deiner Meinung an.

  6. @Wibke Selbstgerechtigkeit und Hochnäsigkeit ist das Merkmal nicht weniger Kollegen, gerade unter den reinen Print-Leuten und erst recht im Feuilleton.

    Das mit den Ängsten lässt sich in der Tat am Beispiel StreetView gut zeigen. Viel gezielt gestreutes Halbwissen, das auf Rezipienten-Seite gierig aufgesogen wird. Nur, um bestätigt zu bekommen, dass das Internet böse ist.

    In Leer will der Stadtrat dann Schulen und Frauenhaus pixeln lassen, da kommste aus dem Staunen nicht mehr raus… (http://www.leer-meinung.de/2010/08/23/heute-schon-gepixelt/)

  7. Ich warte auf das Buch, das mir den Entzug vom völlig invasiven, süchtig machenden Offline-Real-Life nahelegt, für das noch keiner die ultimative Auschalttaste gefunden hat, mit der man auch wieder einschalten kann. Vier Wochen Lebensentzug, das wäre doch ein Bestseller im Sucht-Genre!

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