Der Streit ums Bestseller-Backen

6. September 2010

Heute erscheint in der WELT ein Artikel, der sich mit dem Phänomen beschäftigt, dass nur noch großes mediales Getöse dazu führe, ein Sachbuch zu einem Bestseller zu machen. Die Reaktion einer Followerin, nachdem ich den Link zum Artikel twitterte, bestärkt mich darin, ein paar Takte dazu zu schreiben.

Ob man denn angesichts eines solchen, offensichtlich mit zweifelhaften Methoden erkauften, Erfolgs morgens noch in den Spiegel schauen könne, war sinngemäß die Frage der twitternden Journalistin und Buchautorin Petra von Cronenburg.

Nun, ich denke, man kann. Kein Autor der Welt muss sich dafür entschuldigen, dass die Menschen seine Bücher kaufen. Und diejenigen, die es gekauft und dann auch gelesen haben, können im Zweifelsfall wenigstens substantiell etwas zum Inhalt sagen. Im Gegensatz zu denen, die alles schon vorher wissen und dann ihrerseits mit substanzlosem Geplapper mediale Aufmerksamkeit erzeugen, die Parallelgesellschaft der Politik wie sie Norbert Bolz gestern abend bei Anne Will ganz richtig titulierte, lässt grüßen.

Was mir nicht gefällt, ist die Front, die hier aufgebaut wird, zwischen all den kleinen, unabhängigen Verlagen, die nur Nobelpreis-Verdächtiges zu produzieren scheinen und den großen (Konzern-)Verlagshäusern, die es offensichtlich ausschließlich darauf anlegen, den Leser für blöd zu verkaufen.

Es gibt schlechte Bücher in Kleinverlagen, und es gibt großartige Bücher in Großverlagen. Punkt. Umgekehrt genauso. Punkt. Dass die wenigsten Kleinverlags-Bücher dabei Bild-kompatibel sind, ist sicher Fakt. Dass sich kaum ein Kleinverleger dieser Möglichkeit bedienen wollen würde, wenn er sie denn hätte, wohl auch. Aber lässt sich daraus den großen Häusern ein Vorwurf ableiten? Ich glaube es nicht.

Es spricht eher für eine unfassbare Arroganz und Ignoranz der Leserentscheidung gegenüber, wenn in bester „Beleidigte-Leberwurst-Manier“ geklagt wird, manche Bücher liefen nur deshalb so gut, weil sie in BILD und SPIEGEL vorabgedruckt oder überhaupt nur erwähnt seien. Abgesehen davon, dass es durchaus Gegenbeispiele gibt, bei denen das nicht der Fall ist, halte ich es für ziemlich wohlfeil, sich über den Inhalt eines Buches nicht mehr austauschen zu wollen (bzw. zu glauben, das nicht mehr zu müssen), nur weil es sich gut verkauft.

Fakt ist, dass in den vergangenen Jahren viele Bücher deshalb erfolgreich waren, weil sie mit ihren Thesen auf eine Phalanx sehr starrer gegensätzlicher Meinungen trafen. Und man ist immer wieder fasziniert, wie geistig unbeweglich eigentlich intelligente Menschen sein können, wenn sie es sich in ihrer Meinungs-Ecke erst mal so richtig bequem eingerichtet haben. Die Tatsache, dass gegensätzliche Meinungen existieren, adelt jedoch keineswegs grundsätzlich diese Meinungen und entwertet auch nicht die Thesen des in Frage stehenden Buches. Dies kann immer nur im konstruktiven Dialog über die Thesen geschehen, was wiederum bedingt, dass man sie im Original gelesen hat. Und ein Grund sein könnte, das Buch zu kaufen.

Übrigens macht die WELT im Artikel selbst natürlich nichts anderes, als das, was die Autorin Inga Michler kritisiert. Sie nutzt DAS Reizwort der letzten Wochen, um Aufmerksamkeit für ein Thema zu wecken, das direkt mit der Überschrift gar nichts zu tun hat. Drüber steht nämlich: „Die Methode Sarrazin“.

3 Kommentare zu “Der Streit ums Bestseller-Backen”

  1. Das nennt man ein ganz typisches 140-Zeichen-Missverständnis!
    Mein Einwurf mit dem Spiegel bezog sich nämlich nicht auf den Erfolg, ich hatte das, was die WELT impliziert, weiter gedacht: Wenn es angeblich so einfach ist, mit der Methode “Provokation” Bestseller zu machen (was ich nicht glaube), hieße das konsequent, dass man sich als Autor weniger um Inhalte scheren sollte als um Populismus, markige Worte etc. Es hieße – würde die Theorie stimmen – dass Autoren, die unter Erfolgsdruck stehen, künftig mehr zu zweifelhaftem Trash zugunsten der Quote tendierten (Vergleiche mit dem Fernsehen darf man da ziehen).
    Und dazu sage ich: Ich als Autor muss mich morgens noch im Spiegel anschauen können. Würde ich nach einer solchen “Bestsellerformel” arbeiten, könnte zumindest ich das nicht mehr.

    Ich bin mit dir völlig einer Meinung: Wenn Bücher stark polarisieren, spricht man darüber. Ergo sind sie mehr präsent, gelangen leichter in die Medien, verkaufen sich besser.
    Genau hier kann man den WELT-Artikel “herunterbrechen”, der eigentlich auch nur einen uralten Hut als “Sensation” aufhübscht: Selbst Romanautoren mit harmlosen Büchern machen die Erfahrung, dass sich Bücher besser verkaufen, wenn sie nicht nur gelobt werden, sondern Leser polarisieren.
    Und weil das allein keine Garantie für einen Bestseller ist, muss man sich zum Glück immer noch um Inhalte kümmern!

    Was deutsche Debattenkultur betrifft, so glaube ich kaum, dass hier Verlage oder Medien etwas ausrichten können. Der Umgang damit beginnt im Kindesalter und in der Schule.

  2. Ja, die deutsche Debattenkultur… Da liegt so einiges im Argen. Anders gesagt: es gibt diese Debattenkultur kaum, zumindest scheint sie verschüttet unter einem Berg von eitlen Selbstdarstellern in Politik und Medien, die wortgewaltig den politisch korrekten Mainstream bedienen und für die die Freiheit der Andersdenkenden nur ein schönes Wort aus vergangener Zeit ist…

  3. […] den Beitrag zu „Urlaubslektüre: Verkauft die Leser nicht für hummeldumm!“ und noch „Der Streit ums Bestseller-Backen“ auf Durchschuss gelesen habe, habe ich den eigenen SuB der letzten sechs Wochen […]

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