Nicht jeder, der ein Buch veröffentlicht, ist auch gleich ein Autor

13. September 2010

Den provokanten Satz, der die Überschrift für diesen Artikel bildet, twitterte Texterin Juliane Weuffen (@rachelzwitscher) kürzlich und ich retweetete ihn, da er mir recht wahr erschien. Kurze Zeit später wies mich Wenke Richter (@digiwis) darauf hin, dass es zu diesem Thema kürzlich auf der Facebook-Seite von „Ich mach was mit Büchern“ einigermaßen heftige Diskussionen gegeben habe und es sich dabei um ein lohnenswertes Blogthema handeln könne.

Nun denn.

Ist dieser Satz einfach nur arrogant? Einfach nur richtig? Oder dürfen wir die Wahrheit wie so oft irgendwo in der Mitte vermuten? Zunächst muss man wohl zwei Dinge unterscheiden. Sowohl in der „Was mit Büchern“-Gruppe als auch bei der bemerkenswerten Serie von Tom Liehr im Literaturcafé geht es eher um die Unterscheidung zwischen der Armee von Hobbyautoren, die aus den unterschiedlichsten Gründen gar nicht erst in den Genuss einer „offiziellen“ Veröffentlichung ihrer Texte kommen und denjenigen, die professionell Textarbeit betreiben und im Buch-Betrieb Fuß fassen konnten. Die Frage von Juliane hingegen zielt durchaus auf letztere Gruppe ab und fordert hier noch einmal eine Unterscheidung ein.

Es könnte sich hierbei um den guten alten Streit zwischen E- und U-Literatur handeln. Sind Wölkchenbücher und Nackenbeißer (Danke an @domus_libri für den Hinweis!) Literatur und ihre Autoren „echte Autoren“? Oder braucht es schon mindestens eine ernsthafte Besprechung im Feuilleton, um als Autor gelten zu dürfen? Das gleiche gilt übrigens im Sachbuch: wie halten wir es mit dem Verfasser des siebenundneunzigtausendsten Esoterik-Ratgebers in Abgrenzung zu einem gelungenen Sachbuch über ein wichtiges historisches Thema. Charlotte Roche und Thilo Sarrazin haben Bücher geschrieben. Sind sie auch Autoren?

Ich bin geneigt, die Antwort auf die Frage dem Markt zu überlassen. Wer in einem Verlag ein Buch veröffentlicht hat (von unseren „Freunden“ von den Zuschussverlagen reden wir hier natürlich nicht), hat zumindest schon mal einige Zulassungsschranken passiert, über die ja auch Tom Liehr ausführlich schreibt. Es gibt einen Verleger, der den Text drucken will, es gibt einen Lektor, der am Text arbeitet, es gibt eine Marketingabteilung und Vertreter, die sich hoffentlich auch dafür einsetzen werden. Wer also diese Schranken passiert hat, darf mit Fug und Recht als Autor gelten.

Die Beurteilung der qualitativen Seite der Geschichte, auf die die Ausgangsfrage ja eigentlich abzielt, ist wohl jedem Leser persönlich anheimgestellt. Sind Autoren nur diejenigen, die schreiben, was mir gefällt und was ich für qualitativ hochstehend erachte? Oder gestehe ich der Autorin des erfolgreichen und auf ihre Art gut gemachten Wölkchenbuches auch zu, als Autorin durchzugehen?

Andersherum könnte man etwas provokativ fragen: lassen Verlage heute nicht zu viel Text durch ihre Schranken und entwerten damit den Status des Autoren? Der Blick auf die Unzahl der am Markt befindlichen Bücher legt diesen Schluss nahe. Hier ist die Kompetenz der Verlage angesprochen, die ich erst in den letzten Tagen wieder ernsthaft in Zweifel zu ziehen geneigt war.

Eine Kollegin, die mehrere (gute) Sachbücher veröffentlicht hat, erzählte mir von einem Angebot, als Ghostwriterin ein Buch zu schreiben. Sie zögerte jedoch mit Recht, das Angebot anzunehmen, denn hier hatte sich der Verlag offensichtlich von vornherein verkalkuliert. Er hatte einer Person, die nie zuvor ein Buch geschrieben hatte, vertraglich zugesagt, ihre Lebensgeschichte zu veröffentlichen, offensichtlich in der Hoffnung, damit auf dem Markt der Erfahrungsbücher landen zu können. Nun war man kurz vor der Deadline für die Manuskriptabgabe und musste feststellen, dass diese Person schlicht und ergreifend nicht schreiben konnte. Ständige Qualitätskontrolle im Laufe der Arbeit am Manuskript war augenscheinlich nicht erfolgt.  Meine Kollegin war nun auserkoren, in kürzester Zeit aus dem vorhandenen Wust einen lesbaren und verkäuflichen Text zu machen. Was ihr unmöglich erschien angesichts der Vorlage.

Vielleicht ist das der Knackpunkt. Dieses Buch wird u.U. erscheinen, der Verlag ist immerhin vertraglich an seine Zusage gebunden. Ist die Autorin dann wirklich Autorin? Wohl nur im juristischen und ganz ursprünglichen Sinne. Mit Qualität hat das nichts zu tun und der betreffende Verlag ist seiner Aufgabe als „Gatekeeper“ nicht nachgekommen.

Solche Dinge verwässern den Begriff des Autors und lassen den überschriftenstiftenden Satz als richtig erscheinen. 90.000 Neuerscheinungen im Jahr legen nahe, dass es sich dabei nicht um einen Einzelfall handelt.

17 Kommentare zu “Nicht jeder, der ein Buch veröffentlicht, ist auch gleich ein Autor”

  1. Seltsame Diskussion. Mir aus französischer Perspektive so fremd wie die um E und U. Und wurde da nicht das Wort “Autor” mit dem “Schriftsteller” verwechselt?
    Das Urheberecht macht klar: Jeder, der regelmäßig Texte veröffentlicht, bei denen es sich um eigene schöpferische, kreative Leistungen handelt, ist ein Autor. Punkt. Die Form der Veröffentlichung spielt da keine Rolle. Sachbuch oder Roman, E oder U, Gefallen oder nicht, spielen keine Rolle.

    Was ist ein Hobbyautor? Wo fängt er an, wo hört er auf? Ich habe mehrere Bücher bei renommierte Verlagen veröffentlicht, bin im “Geschäft”. Aber ich brauche zwei “Brotjobs”, um mich zu ernähren. Also bin ich ein Hobbyautor: Ich schreibe in meiner Freizeit.

    Ich glaube auch, dass das Image des Verlags als Voraussetzung für eine “Lizenz zur Qualität” gerade heutzutage aufgeweicht wird. Beispiele wie das mit der Ghostwriterin könnte ich ebenfalls nennen, auch im Übersetzungsbereich gibt es solches Schönschreiben, immer krasser. Sind bei PoD-Verfahren und Selbstverlag wirklich nur “ibäh-Bücher” zu haben? Immer mehr “professionelle” Autoren nutzen diese Techniken.

    Beispiel: Ich werde ein Buch, das ich für einen feinen Verlag geschrieben hatte, bei BoD herausbringen. Denn leider ging der feine Verlag zwischenzeitlich ein. Es macht mich traurig, wenn ich hier sehe, gegen welche Vorurteile ich mich werde durchbeißen müssen. Ist das Buch, fertig lektoriert, dadurch ein minderwertiges?

    Ein bißchen muss ich auch schmunzeln. Im Moment übersetze ich Texte von zwei ganz typischen Selbstverlegern ins Deutsche, zwielichtige Typen, die sich überall das Geld für den Eigenverlag zusammengeschnorrt haben, weil sie keiner verlegen wollte: Max Jacob und Guillaume Apollinaire. Sogar Illustrationen von Picasso und Matisse haben sie sich erbettelt.
    Was wären Kunst und Literatur ohne Querköpfe, ohne diejenigen, die einfach machen und nicht fragen “macht man das?”?

    Die wirklichen “Möchtegerns” sortieren sich doch ganz schnell von selbst am Publikum aus, oder?

  2. Ja, es ist eine mit der Tat interessante Diskussion, ich schließe mich auch den Fragen von Petra an, denn wo hört die Hobbyschriftstellerei auf? Gilt das “Hobby” für alle, die im Eigenverlag verlegen, weil sie mit der Verlagswelt auf Kriegsfuß stehen oder keinen Fuß in der Tür hatten? Warum veröffentlicht beispielsweise Markus Albers sein Buch “Meconomy” selbst… und und und. Viele offene Fragen…

  3. […] This post was mentioned on Twitter by steffenmeier, Marcel Koch. Marcel Koch said: Durchschuss » Nicht jeder, der ein Buch veröffentlicht, ist auch gleich ein Autor – http://goo.gl/3kaB […]

  4. Der Titel ist ja schon provokant und fordert irgendwie Widerspruch heraus. Natürlich ist nicht jeder ein Autor, der ein Buch herausbringt. Er könnte auch Verleger oder Herausgeber sein! So war die Aussage aber wohl nicht gemeint. :-)

    Vielleicht eine kleine Anekdote: Wir haben hier in Nürnberg eine monatliche Veranstaltung, die sich “Literarisches Café” nennt. Da kommen allerlei Leute (durchaus auch bekannte Schriftsteller) zusammen, die mehr oder weniger mit dem Schreiben zu tun haben und lesen ihre Texte vor Publikum vor. Bei einer der letzten Veranstaltungen stellte sich eine Zuhörerin vor, sie sei jetzt ja “offiziell Schriftstellerin”, weil sich beim Finanzamt so angemeldet hatte. Auf die Frage, was sie denn geschrieben habe, antwortete sie: “Noch nichts”, sie sei “noch auf der Suche nach einem geeigneten Verlag”. Nun ja. Wünschen wir ihr viel Erfolg dabei.

    Wann ist also ein Autor ein Autor? Oder wann ist ein Maler ein Maler? Oder ein Bildhauer ein Bildhauer? Richtig: Wenn er “anerkannt” ist.

    Wie sieht diese Anerkennung für Schriftsteller aus? Früher war das eigentlich recht klar: Wer es schaffte bei einem mehr oder weniger etablierten Verlag unterzukommen war anerkannt.

    Heute ist das nicht mehr so einfach auseinanderzuhalten. In Zeiten, in denen der Selbstverleger Morgenluft wittert, in der die Technik wie nie zuvor es dem „Hobbyschreiber“ ermöglicht auch ein professionell gestaltetes Buch herauszubringen, in der sich der Buchmarkt Stück für Stück vom gedruckten Buch weg bewegt: Was kann da der Maßstab sein?

    Die Qualität des Geschriebenen? Wohl kaum, wenn man sich so ansieht, was auch die großen Verlage auf den Markt werfen. Gedruckt wird, was sich verkaufen lässt. Literarische Qualität ist da kein Maßstab, kann es gar nicht sein.

    Der Verdienst des Autors, ob er von seinen Veröffentlichtem leben kann? Schwierig. Selbst ein Genie wie Kafka ging einer geregelten Beschäftigung nach um sein Schreiben zu finanzieren – wie die meisten von uns auch eben von einem Brotjob leben, der mehr oder weniger mit der Schreiberei zu tun hat.

    Vielleicht werden wir uns einfach damit abfinden müssen, dass jeder ein Autor ist, der Texte verfasst, die andere Menschen lesen sollen.

  5. Erstmal danke an Carsten für diesen lesenswerten Artikel.
    Nun zur Diskussion: es ist gewissermaßen ein Dilemma. Einerseits wollen alle, die belletristisch publizieren, zu den “Autoren” (den anerkannten, den bekannten, den ernsthaften wie auch immer dies konkret ausschaut) gehören, wozu ja eine Definition von “Autor” notwendig ist. Andererseits gibt es im Artikel und in den Kommentaren Hinweise auf eine Definition (von der Anmeldung beim Finanzamt über Veröffentlichung in einem etablierten Verlag bis zur allumfassenden Umschreibung), die jedoch recht schnell wieder aufgeweicht werden, um möglichst viel und ohne anderen auf die Füße zu treten darunter fassen zu können. Das ist das eigentliche Dilemma in der Diskussion. Ja, es gibt heutzutage technische und marketingtechnische Möglichkeiten von Autoren unabhängig von Verlagen Texte zu publizieren: bekannte und unbekannte, erfolgreiche und wohl auch oft gescheiterte. Ja, es gibt zahlreiche veröffentlichte Bücher, bei denen man den Autorenstatus bezweifelt und annimmt, hier wurde vom Verlag ein Buch zum Geldverdienen publiziert. Das ist an sich nichts Tragisches, wenn man das Buch nicht mit der Idee des Kulturgutes, eines metaphysischen Wertes verbindet. Vielleicht ist das die Krux an der Sache: Buch, noch mehr das Gedruckte, hat heute noch dieses Schein eines Kulturgutes, des Intellektuellen, Weiterbringenden, Höherwertigen. Entsprechend werden die Verfasser solch von der Allgemeinheit anerkannten und belegten Bücher honoriert. Sieht man so das “Buch”, dann ist eben nicht jeder, der ein Buch schreibt gleich ein Autor, sondern jemand, der diesen “Rang” noch nicht inne hat. Interessant ist es, daß dieses Überbleibende wohl jeder, der schreibt, im Grunde seines Herzens anstrebt, auch wenn es nicht öffentlich so gesagt wird.
    Ich konnte jetzt keine Lösung für diesen Knoten anbieten, sondern einfach nur Anregungen und Gedanken meinerseits.

  6. Eine seltsame Argumentation. Wieso ist Quantität ein Beweis für mangelnde Qualität?
    Waren Henry Ford und Ferdinand Porsche etwa MEHR Autokonstrukteur als Ford und Volkswagen, nur weil sie nur 1.000 Autos im Jahr produzierten?
    Waren Karl May und die Schauerromane des 19. Jahrhunderts etwa bessere Literatur als “Biss zum Morgengrauen” oder Steven King, nur weil sie nur 900 Konkurrenten hatten und nicht 90.000?

    Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Ich WAR Autor, als Wolfgang Hohlbein und ich in den 80ern als einzige von Fantasygeschichten leben konnten.
    Wenn ich heute nicht Autor bin, dann liegt das nicht daran, dass ich so viele Mitbewerber wie Markus Heitz, Kai Meyer oder Bernhard Hennen habe. Und schon gar nicht daran, dass diese Autoren “leicht” an eine Publikation gekommen wären. (Im Gegenteil sind das alles äußerst professionelle Autoren, die kontinuierlich gute Arbeit liefern.)
    Nein, das einzige Kriterium ist, dass ich derzeit kein Buch auf dem Markt habe. Es ist auch irrelevant, dass ich seit drei Jahren an einem arbeite. Ich bin erst wieder Autor, wenn jemand für mein Buch bezahlt.
    Sobald das jedoch geschieht, kann mir niemand ernsthaft die Autorenschaft absprechen.

    Um dann noch weiter zu differenzieren, benützen professionelle Autoren nicht das laienhafte Werkzeug des Wegdefinierens, sondern eine ganz sensationelle Erfindung namens Adjektiv: Sie sprechen z.B. von erfolgreichen Autoren, abgestürzten Autoren oder vielversprechenden Autoren. :-)

    So, genug theoretisiert. Ich schreibe jetzt wieder an etwas weiter, das ich verkaufen kann. ;-)

  7. Eine sehr interessante Diskussion. Ja, es ist in der Tat nicht so einfach, diesen Begriff zu definieren und es mag daran liegen, dass jeder ein ganz eigenes (Wunsch)Bild damit verbindet.
    Hadmar von Wieser möchte ich allerdings vehement widersprechen. Ein Autor, der bereits von seinen Werken leben konnte ist mit Sicherheit auch ein Autor, wenn er “nur” an einem neuen Werk schreibt.
    Aber ich kann diesen Gedanken verstehen. Er ist mir weit sympathischer als der jener Menschen, die sich Autoren nennen, weil sie einen laienhaften und unausgegorenen Text verfassen und sich nun via Kostenzuschussverlag diese Bezeichnung erkaufen.
    Als mein drittes Buch herauskam, wurde ich gefragt, ob ich mich nun als Autorin bezeichnen würde. Ich habe tatsächlich darüber nachdenken müssen, obwohl zwei der Titel bei der Fischer-Verlagsgruppe erschienen sind (bei der echten, nicht beim ähnlich klingenden Zuschussverlag ;-)). Richtig als Autorin habe ich mich tatsächlich erst gefühlt, als ich regelmäßig schrieb und vom Aufbau Verlag in den Kreis der festen Autoren aufgenommen wurde.
    Und genau das ist mein Lösungsansatz: Autor ist, wer berufsmäßig für andere öffentlich schreibt. Auch wenn er weitere Brotjobs benötigt.

  8. Meine Güte, was für ein gewichtiges Thema, in Zeiten, wo alles auf die kommerzielle Waagschale geworfen wird, sprich es geht immer nur um den finanziellen ERFOLG! Angenommen, jemand würde sein Buch im Zuschuss- oder BoD- oder Eigen-Verlag veröffentlichen und (trotzdem) hunderttausende Bücher verkaufen, dann klopft ihm jeder auf die Schulter und sagt: “Was für ein Autor”.

    Wie dem auch sei, ich werde bei einem interessanten Projekt mitmachen: euryclia.de – dort ist es so, dass ein Manuskript etwa 1000 Vorbestellungen benötigt, bevor der Verlag den Text lektoriert und veröffentlicht; ich denke, dass hier niemand etwas aus dem etablierten Lager einzuwenden hat, da es sich hierbei weder um einen Zuschuss- noch um einen Eigenverlag handelt.

    Ob sich das Projekt durchsetzt, wird man sehen, spannend findet ich es in jedem Fall, da nun nicht mehr die Verlage “Gatekeeper” spielen, sondern die Leserschaft selbst und so sollte es ja auch sein.

  9. Gefällt mir, was Hadmar von Wieser schreibt, vor allem die Sache mit den Adjektiven. In dieser komischen Schubladendiskussion müsste man sogar noch zusammengesetzte Substantive einführen!
    Ich z.B. konzipiere und schreibe auch für ganz andere Druckformate, wobei sich die Inhalte nicht unbedingt von Sachbuchinhalten unterscheiden. Keiner macht mir streitig, dass ich da veröffentlichte Autorin bin. Aber eben keine Buchautorin. Ja, es gibt jede Menge Nichtbuchautoren!

    Eigentlich schade um die Energien, wenn man sich darum streiten muss, wer das Recht hat oder nicht, wer es verwirkt und wer es sich nur anmaßt.
    Fragen wir uns doch lieber, wie man es als Autor heutzutage schafft, sich in diesem Wust von Neuerscheinungen oder im Wust von Selbstverlegten sichtbar zu machen und zu behaupten? Der Kampf gegen andere Autoren, die wir als minderwertiger ansehen würden, kann nicht der Weg sein.

  10. Liebe Leute,

    ich bin hocherfreut über die spannende und vielschichtige Diskussion, die sich hier und auch auf der Facebook-Seite von “Was mit Büchern” entspinnt.

    Und siehe da: es ist quasi das ganze Spektrum vertreten. Von “jeder, der schreibt, ist auch ein Autor” bis zu “nur, wenn ich etwas halbwegs erfolgreiches veröffentlicht habe”, darf ich mich Autor nennen.

    Logischerweise kann es bei diesem Thema nicht um Wahrheitsfindung im engeren Sinne gehen. Der Begriff des Autors ist unscharf, jeder verbindet etwas anderes damit oder hat ihn per theoretischem Konstrukt einfach mal getötet (Schönen Gruß an Roland Barthes…).

    Worauf die Überschrift des Blogartikels abzielte, ist natürlich eine eher qualitative Definition des Begriffs. Eine die sagt: auch, wer 100.000 Bücher verkauft hat, muss noch kein Autor sein, jemand dagegen, der nur 500 verkauft hat, kann durchaus einer sein.

    Ich denke, letzteres ist unstrittig, das quantitative Argument gilt nicht im Bereich der niedrigen Auflagen- bzw. Verkaufszahlen. Gilt es auch nicht im Hochauflagen-Bereich. Ist Oliver Kahn ein Autor, weil er eine mindestens hoch fünfstellige Zahl Bücher an den Kunden gebracht hat? Angeblich sogar selbst verfasst? Ist er nun quasi Au-TorWart?

    Wenn ich für mich eine gewisse gesellschaftliche Relevanz im Sachbuch als Definitionsgrenze zwischen Autor und Nicht-Autor im Hinterkopf habe, ist das für natürlich nur ein Hilfskonstrukt für mich, um das Gefühl einer gewissen Struktur im Markt zu haben.

    Und ganz ehrlich: gerade in der Belletristik würde ich mir ganz konservativ wünschen, die Verlage kämen einer gewissen Gatekeeper-Aufgabe immer noch nach. Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn ein fähiger Lektor mich davor bewahrt, auch nur den Waschzettel, Klappentext oder sonst irgendetwas eines schlecht geschriebenen und inhaltlich irrelevanten Buches wahrnehmen und lesen zu müssen.

    Auch hier tritt glaube ich ein Effekt der Medienmoderne zu Tage: die Angst, etwas zu verpassen. Es könnte ja irgendwo im stillen Kämmerchen ein moderner Kafka sitzen. Und wenn man ihm nicht per BoD oder sonstwas die Möglichkeit gibt, zu publizieren, werde ich ihn nie lesen können. Na und?

    Kafka könnte von mir aus im Haus nebenan wohnen. Lese ich zufällig einen Text von ihm, der mich aus den Schuhen haut, würde ich alles tun, um ihm zu einer Veröffentlichung zu verhelfen. Lese ich diesen Text zufällig nicht, ist mein (literarisches) Leben dadurch trotzdem nicht ärmer. Aber ich fürchte, ich schweife nun etwas von der Ausgangsfrage ab… :-)

    Mein Artikel zielte gar nicht auf eine letztgültig Einigung ab. Provozieren wollte ich genau die Meinungsvielfalt, die auch bisher schon zu Tage getreten ist, und das freut mich!

  11. @Petra Du hast recht, genau das ist es. Minderwertigkeiten zu verteilen, kann nicht das Ziel sein, da auch hier die Meinungen weit auseinander gehen. Über Qualität lässt sich ja bekanntlich streiten.

    Ansonsten sollte sich jeder, der aus reiner Leidenschaft und vor allem regelmäßig schreibt, Autor nennen dürfen. Und da ist es auch egal, ob im Selbstverlag, als Blogger, Journalist oder Buchautor.

    @Carsten Und da wären wir dann auch bei Oli Kahn. (Hat er die Autobiografie ohne Hilfe verfasst?) Ist man nach einem einmaligen Kurzausflug auch wirklich schon Autor? Ist man Handwerker, wenn man einmal die Bohrmaschine ansetzt?
    Fragen über Fragen … ;-)

  12. @ Petra: Fragen wir uns doch lieber, wie man es als Autor heutzutage schafft, sich in diesem Wust von Neuerscheinungen oder im Wust von Selbstverlegten sichtbar zu machen und zu behaupten?

    YEP! Das ist die Frage aller Fragen! :-)

  13. Liebe Damen und Herren,

    es wird viel zu viel in Druckform publiziert, viel zu viel. Es scheint mir weniger darum zu gehen, (junge) Autoren in ihrem Selbstbewußtsein zu stärken (denn viele haben ein geradezu zentralafrikanisches Ego, welches mächtig nach draußen drängt), als vielmehr, Skrupel zu nähren. Man horche in sich hinein: Hält das, was “wir und unseresgleichen / so in die Sehreibmaschine laichen” (Enzensberger) auch nach ein paar Wochen, Monaten und Jahren dem kritischen Urteil stand?

    Man kann sicherlich auch in komplette Selbstblockade verfallen; das sollte nicht das Ziel der Übung sein. Ich bin seit 15 Jahren Antiquar und habe noch keinen Katalog hervorgebracht, weil ich vielleicht etwas überzogene Ansprüche an die Qualität der Ware und die Kunst der Beschreibung lege; meine unter dem Einfluß des nordwestniedersächsischen Volkstreibens entstandenen Bauernkomödien, die ich in der Schreibtischschublade horte, werden ganz sicherlich dort verbleiben oder allenfalls mal im Internet auftauchen. Ist ja alles ganz lustig, aber daraus ein Buch machen? Na, ick wees nich…

    Ist das nicht überhaupt die Lösung: Die Transitivität des Mediums Internet für sublunare Publikationstätigkeit zu nutzen? Und das Druckwerk für Besseres aufzubewahren? Longue durée.

    Fragt höflich Ihr OW Plocher

  14. Lieber Herr Plocher,

    das Einfordern von so etwas wie Selbstkritik widerspricht aber ganz gewaltig dem gesamtgesellschaftlichen Ego-Trip… :-)

    Der Hinweis indes taugt. Nämlich zur Reflektion darüber, ob wirklich alles irgendwo von irgendwem Geschriebene auch das Nachttischlampenlicht einer lesenden Öffentlichkeit erblicken muss.

    Die grandiose Idee allerdings, all dies “in die Schreibmaschine gelaichte” anschließend ins Internet zu kippen, macht mir Angst. Warum aktiv dazu anstacheln, den unüberblickbaren Text-Wust in digitalen Sphären noch weiter anzureichern? Muss doch nicht sein…

  15. Was wäre eigentlich so schlimm daran, wenn Tante Ernas Tagebuch im Strickclub drei Leserinnen fände? Und alle anderen Tante Ernas Werk eben nicht kauften?

    In meiner Jugendzeit haben wir wie die Bekloppten Texte hektografiert oder kopiert und im Copyshop “echte” Zeitschriften und Möchtegernbücher gebastelt. Wir haben schlimmste Texte für Fanzines verbraten und selbst ein Fanzine nach dem anderen aufgemacht, sogar verkauft.

    Das war “Learning by Doing”, sicherlich schmerzhaft für die Leser, doch ansprechend für manche.
    Wenn mir damals jemand gesagt hätte, ich solle den Mist gefälligst in der Schublade lassen und nicht am lebenden Objekt testen, wäre ich wohl weder Journalistin noch Buchautorin geworden. Ich habe durch Menschenversuche gelernt. ;-)

    Der Redakteur, dem ich als Schülerin vermessen ein vierseitiges gedichtetes Epos zur Veröffentlichung geschickt hatte, wurde Jahre später mein Ausbilder. Das Epos hat er nie vergessen…

    Mehr Mut, meine Herren!

  16. […] ganz witzige aber trotzdem wahre Aussage ist folgende: Nicht jeder, der ein Buch veröffentlicht, ist auch gleich ein Autor. Der Artikel im Durchschuss-Blog von Carsten Tergast durchleuchtet die Bücherwelt und findet dort […]

  17. Der Autor.
    Der erfolgreiche Autor.
    Welches Adjektiv man ihm auch beidichtet, sollte er nicht schreiben können, wenigstens geschrieben haben?
    Sicher.

    Wenn ich mir einen John Irving anschaue. Er kann schreiben. Er konnte schreiben, sagen viele, die seine neuen Romane nicht mehr mögen.
    Er ist trotzdem ein Autor. sogar: Ein erfolgreicher Autor.
    Der Verlag gibt viel Geld aus, dass er das bleibt.
    Ich glaube, Irving könnte das New Yorker Telefonbuch abschreiben und es würde sich noch verkaufen.

    Erfolg ist was zählt?

    Ein Antiquar, der seine “Bauernkommödien” in der Schublade versteckt, handelt zwar nach Ken Follets Ratschlägen, ist aber dennoch ein Autor. Ein »ungelesener« halt, wenns denn ein Adjektiv braucht.
    Er sollte aber grade von seinem Job her die Autoren kennen, die sich in seinem Laden verkaufen. Sind das die, die in den früheren Jahren erfolgreich waren?
    Meine Tochter schleppte als Schullektüre mal einen Roman eines Autoren an, der angeblich zu denen gehörte, die in den Fünfzigern am meisten gelesen wurden. Keiner den ich kenne, hat den Namen je einmal gehört, geschweige gelesen.
    Nein. Erfolg und schon gar nicht kommerzieller Erfolg sind schlechte Ratgeber, einen Menschen zum Autoren zu machen.

    Autor ist, wer schreibt. Mit Geld hat das nichts zu tun.

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