Kleiner Messerundflug

Nachdem ich großkotzig angekündigt hatte, WÄHREND der Buchmesse AKTUELL zu bloggen und die Aktivitäten auf dieser Seite unmissverständlich anzeigen, dass ich das NATÜRLICH nicht geschafft habe, will ich wenigstens jetzt einen kleinen Überblick über die #fbm10 (so der Twitter-Hashtag) aus meiner Perspektive geben.

Ärger über die DB, ihre Mitarbeiter, Fahrpläne und Unzuverlässigkeiten können dieses Mal ausgeblendet werden, da mein vierrädriger japanischer Freund mit den drei Diamanten im Signet mich flugs gen Hessen beförderte und sich von den üblichen Staus rund um Ruhrgebiet und Rheinland nicht irritieren ließ.

Der Messestart war klasse, fiel doch der erste vereinbarte Termin gleich mal ins Wasser (zur Ehrenrettung der Gegenseite sei gesagt, dass wir ihn einen Tag später zur gleichen Zeit nachholen konnten…).

Danach jedoch waren meine drei Messetage von einer gewissen Atemlosigkeit geprägt, die sich angesichts der Fülle aus richtig-wichtigen Terminen, die Weichen für die nähere und mittlere Zukunft gestellt haben und den nicht minder wichtigen „weichen“ Terminen als Dauergefühl etablierte.

Was aus den richtig-wichtigen Terminen geworden ist, wird sich hoffentlich irgendwann auf den Neuerscheinungsregalen einer der kommenden Buchmessen niederschlagen. Die „weichen“ Termine bestanden aus Ereignissen wie „Twittagessen“, „Hot Spotting Book People in Social Media“, der Krönung von „Mr. und Mrs. Bookfair“ oder auch der Teilnahme an Happy Hours und abendlichen Verlagsparties.

Es ist immer wieder enorm zu sehen, wie viele richtig-wichtige und weiche Termine in gerade mal knapp drei Tage Frankfurt hineinpassen. Dass Schlafen nicht zu den zentralen Tätigkeiten des Messebesuchers gehört, versteht sich dabei von selbst.

Eins ist allen Terminen gemeinsam, das bestätigt sich Jahr um Jahr, und hat auch dieses Mal wieder bewiesen, dass diejenigen, für die „die Messe nicht so wichtig“ ist, daneben liegen: Egal, ob der Grund des Treffens ein Twittagessen an der Würstchenbude ist oder ein vorher vereinbarter Termin mit Agentin und Verlagsleiter, die guten Ideen scheinen sich im persönlichen Gespräch wie von selbst zu ergeben. All das, was Tage und Wochen am einsamen Schreibtisch nicht zu produzieren vermochten, fliegt einem im Messegespräch von ganz alleine zu. Ein ganz besonderer Dank geht also an die namentlich hier nicht genannten richtig-wichtigen Gesprächspartner und ebenso an all die nicht weniger wichtigen „weichen“ Gesprächspartner.

Die Twittagessen brachten ein Wiedersehen mit der Elite meiner Timeline, die Aufzählung hier beansprucht keine Vollständigkeit, darf aber gerne als ewig währender #ff gelesen werden:

Richard K. Breuer (@dschun), der der höchst lebendige Beweis dafür ist, dass die Wiener Literatentradition noch lange nicht ausgestorben ist. Richard: mit niemandem würde ich lieber eine Viertelstunde lang auf der Suche nach einem Kaffee über das Freigelände flanieren, es lohnt sich immer!

Stefanie Leo (@buecherkinder), die ich bisher nicht persönlich kannte und die von einer so ansteckenden Fröhlichkeit und Gradlinigkeit ist, dass sie einem im Handumdrehen gute Laune herbeizaubert

Miriam Semrau (@krimimimi33), für die die Fröhlichkeitsbemerkung bei Stefanie in gleichem Maße gilt und deren Power für mehrere Buchmessen hintereinander reichen würde. Nicht einmal ihre merkwürdige Schwäche für Roger W. kann meine Zuneigung hier ins Wanken bringen…

Steffen Meier (@steffenmeier), den ich mit diesem Foto schon wieder in die Bredouille gebracht habe und der an meinem Talent für Tweets, die als Kieselstein beginnen und als Lawine enden irgendwann verzweifeln wird

Philipp Weinbrenner (@DonBrandy), der für mich von vornherein als the one and only Mr. Bookfair feststand

Holger Reichard (@wortmax), mit dem ich zum ersten Mal länger plaudern konnte, was uns sofort zur Feststellung einiger Überschneidungen in unseren literarischen Vorlieben führte

Stefan Möller (@hedoniker), der eben Stefan und nicht Steffen heißt und beim Kuchenessen am Droemer-Stand eine ebenso gute Figur macht wie bei der Laudatio zur Mr./Mrs. Bookfair

Wibke Ladwig (@sinnundverstand), die der diesjährige Juist-Urlaub, bei dem wir uns kurz trafen, offensichtlich so beflügelt hat, dass sie nicht nur Mrs. Bookfair wurde, sondern auch zur absoluten Social-Media-Queen der Branche avancierte

Leander Wattig (@leanderwattig), der nicht nur „was mit Büchern“, sondern auch wieder jede Menge „auf der Messe“ machte, trotzdem Zeit für ein Stück Kirschstreuselkuchen hatte und als Werder-Bremen-Fan bei mir sowieso schon lange gewonnen hat

Patricia Keßler (@knaurverlag), die für den nun schon zweimal zitierten Kuchen verantwortlich zeichnete und diesen elegant parlierend am Droemer-Stand darbot. Dafür, dass meine Entscheidung, zur Droemer-Party zu gehen, eine Fehlentscheidung war, konnte sie wirklich nichts…

Karla Paul (@buchkolumne), die noch versuchte, mich am Freitag abend mit all den anderen zum Italiener zu schleppen. Die Absage dieses Angebots bedauerte ich spätestens beim „Genuss“ pappiger Pommes an einer ungenannten deutschen Autobahnraststätte

Heike Koschyk (@HeikeKoschyk), die einen Moment lang für einen Besuch bei der Mr./Mrs. Bookfair-Krönung ernsthaft überlegte, ihre Familie am Flughafen warten zu lassen, dies aber dann wohl doch nicht übers Herz brachte

Carsten Raimann (@craimann), den die Lahmarschigkeit einiger Marktteilnehmer in Sachen Social-Media genauso zum Wahnsinn treibt wie mich

Saskia Heinen (@SaskiaHeinen), die ich dieses Mal leider nur einmal kurz am UTB-Stand traf und die unvergleichlich hart im Nehmen ist: Freitag bis mittags auf der Messe, Rückfahrt, und dann noch im Laden ihre Frau stehen! Respekt!

Heike Schmidt (@HeikeSchmidt), die nicht nur die schärfsten roten Pumps der ganzen Messe trug, sondern ein weiteres Mitglied der Fröhlichkeits-Fraktion ist und meine Vermutung, dass UTB für „Unendlich Tolle Buchmenschen“ steht, ein weiteres Mal bestätigt hat

Ansonsten fiel mir stark erhöhte Promidichte auf, was tendenziell eher erhöhten Bedarf an Ghostwritern in den kommenden Jahren bedeuten könnte. Social-Media war in aller Munde, eBooks auch, und Vargas Llosa gewann den Literatur-Nobel-Preis. Der Messe-Mayer erwischte mich auch dieses Jahr wieder unvorteilhaft, ein beim AWS-Abend geschossenes Foto veröffentliche ich hier lieber nicht und die Random-House-Party am Mittwoch fand ich um Längen besser als die Droemer-Party am Donnerstag.

Soweit mein subjektiver Messebericht, nach Rückkehr in den Alltag werden dann auch an dieser Stelle wieder die wirklich wichtigen Branchenthemen angegangen…

Es ist Buchmesse! Und alle fahren doch wieder hin…

Es ist jedes Jahr das gleiche Spiel. „Muss man überhaupt noch nach Frankfurt fahren?“,  „Viel zu voll, keine Ruhe für Gespräche“ oder auch erschöpfend „Das bringt doch eh nix…“

Das Ende vom Lied: Alle fahren wieder hin… Und das ist auch gut so. Auch ich werde mich Mittwoch in aller Herrgottsfrühe auf den weiten Weg von Ostfriesland in die Mainmetropole machen und ab Mittag in den allgemeinen Buchmenschen-Strom eintauchen. Und wissen Sie was: ich freu mich drauf!

Nach (technischer und zeitlicher) Möglichkeit werde ich via Blog noch aus Frankfurt ein paar Messeeindrücke zum Besten geben, auf jeden Fall aber ganz viel von dort twittern. Sowohl am Donnerstag als auch am Freitag plane ich einen Besuch der jeweiligen Twittagessen ein, wo hoffentlich auch Gelegenheit zu vielen Gesprächen mit vielen Leuten über viele Themen der Branche bestehen wird.

Bis bald, wir sehen uns hoffentlich in Frankfurt!

Charmante Kritik an diversen Medienhypes

Das kursiert derzeit im Netz und ich finde es ziemlich charmant. Nimmt es doch den Hype, der mittlerweile um jedes neue technische Dingenskirchen gemacht wird, auf unaufgeregte Weise aufs Korn:

Kennen Sie BOOK?

Nicht jeder, der ein Buch veröffentlicht, ist auch gleich ein Autor

Den provokanten Satz, der die Überschrift für diesen Artikel bildet, twitterte Texterin Juliane Weuffen (@rachelzwitscher) kürzlich und ich retweetete ihn, da er mir recht wahr erschien. Kurze Zeit später wies mich Wenke Richter (@digiwis) darauf hin, dass es zu diesem Thema kürzlich auf der Facebook-Seite von „Ich mach was mit Büchern“ einigermaßen heftige Diskussionen gegeben habe und es sich dabei um ein lohnenswertes Blogthema handeln könne.

Nun denn.

Ist dieser Satz einfach nur arrogant? Einfach nur richtig? Oder dürfen wir die Wahrheit wie so oft irgendwo in der Mitte vermuten? Zunächst muss man wohl zwei Dinge unterscheiden. Sowohl in der „Was mit Büchern“-Gruppe als auch bei der bemerkenswerten Serie von Tom Liehr im Literaturcafé geht es eher um die Unterscheidung zwischen der Armee von Hobbyautoren, die aus den unterschiedlichsten Gründen gar nicht erst in den Genuss einer „offiziellen“ Veröffentlichung ihrer Texte kommen und denjenigen, die professionell Textarbeit betreiben und im Buch-Betrieb Fuß fassen konnten. Die Frage von Juliane hingegen zielt durchaus auf letztere Gruppe ab und fordert hier noch einmal eine Unterscheidung ein.

Es könnte sich hierbei um den guten alten Streit zwischen E- und U-Literatur handeln. Sind Wölkchenbücher und Nackenbeißer (Danke an @domus_libri für den Hinweis!) Literatur und ihre Autoren „echte Autoren“? Oder braucht es schon mindestens eine ernsthafte Besprechung im Feuilleton, um als Autor gelten zu dürfen? Das gleiche gilt übrigens im Sachbuch: wie halten wir es mit dem Verfasser des siebenundneunzigtausendsten Esoterik-Ratgebers in Abgrenzung zu einem gelungenen Sachbuch über ein wichtiges historisches Thema. Charlotte Roche und Thilo Sarrazin haben Bücher geschrieben. Sind sie auch Autoren?

Ich bin geneigt, die Antwort auf die Frage dem Markt zu überlassen. Wer in einem Verlag ein Buch veröffentlicht hat (von unseren „Freunden“ von den Zuschussverlagen reden wir hier natürlich nicht), hat zumindest schon mal einige Zulassungsschranken passiert, über die ja auch Tom Liehr ausführlich schreibt. Es gibt einen Verleger, der den Text drucken will, es gibt einen Lektor, der am Text arbeitet, es gibt eine Marketingabteilung und Vertreter, die sich hoffentlich auch dafür einsetzen werden. Wer also diese Schranken passiert hat, darf mit Fug und Recht als Autor gelten.

Die Beurteilung der qualitativen Seite der Geschichte, auf die die Ausgangsfrage ja eigentlich abzielt, ist wohl jedem Leser persönlich anheimgestellt. Sind Autoren nur diejenigen, die schreiben, was mir gefällt und was ich für qualitativ hochstehend erachte? Oder gestehe ich der Autorin des erfolgreichen und auf ihre Art gut gemachten Wölkchenbuches auch zu, als Autorin durchzugehen?

Andersherum könnte man etwas provokativ fragen: lassen Verlage heute nicht zu viel Text durch ihre Schranken und entwerten damit den Status des Autoren? Der Blick auf die Unzahl der am Markt befindlichen Bücher legt diesen Schluss nahe. Hier ist die Kompetenz der Verlage angesprochen, die ich erst in den letzten Tagen wieder ernsthaft in Zweifel zu ziehen geneigt war.

Eine Kollegin, die mehrere (gute) Sachbücher veröffentlicht hat, erzählte mir von einem Angebot, als Ghostwriterin ein Buch zu schreiben. Sie zögerte jedoch mit Recht, das Angebot anzunehmen, denn hier hatte sich der Verlag offensichtlich von vornherein verkalkuliert. Er hatte einer Person, die nie zuvor ein Buch geschrieben hatte, vertraglich zugesagt, ihre Lebensgeschichte zu veröffentlichen, offensichtlich in der Hoffnung, damit auf dem Markt der Erfahrungsbücher landen zu können. Nun war man kurz vor der Deadline für die Manuskriptabgabe und musste feststellen, dass diese Person schlicht und ergreifend nicht schreiben konnte. Ständige Qualitätskontrolle im Laufe der Arbeit am Manuskript war augenscheinlich nicht erfolgt.  Meine Kollegin war nun auserkoren, in kürzester Zeit aus dem vorhandenen Wust einen lesbaren und verkäuflichen Text zu machen. Was ihr unmöglich erschien angesichts der Vorlage.

Vielleicht ist das der Knackpunkt. Dieses Buch wird u.U. erscheinen, der Verlag ist immerhin vertraglich an seine Zusage gebunden. Ist die Autorin dann wirklich Autorin? Wohl nur im juristischen und ganz ursprünglichen Sinne. Mit Qualität hat das nichts zu tun und der betreffende Verlag ist seiner Aufgabe als „Gatekeeper“ nicht nachgekommen.

Solche Dinge verwässern den Begriff des Autors und lassen den überschriftenstiftenden Satz als richtig erscheinen. 90.000 Neuerscheinungen im Jahr legen nahe, dass es sich dabei nicht um einen Einzelfall handelt.

Der Streit ums Bestseller-Backen

Heute erscheint in der WELT ein Artikel, der sich mit dem Phänomen beschäftigt, dass nur noch großes mediales Getöse dazu führe, ein Sachbuch zu einem Bestseller zu machen. Die Reaktion einer Followerin, nachdem ich den Link zum Artikel twitterte, bestärkt mich darin, ein paar Takte dazu zu schreiben.

Ob man denn angesichts eines solchen, offensichtlich mit zweifelhaften Methoden erkauften, Erfolgs morgens noch in den Spiegel schauen könne, war sinngemäß die Frage der twitternden Journalistin und Buchautorin Petra von Cronenburg. (mehr …)

Buchhandlung Koch auf Juist. Oder: ein paar Gedanken zum unabhängigen Buchhandel

Heute ist in der September-Ausgabe des BuchMarkt mein Artikel über die Buchhandlung Koch auf der ostfriesischen Insel Juist erschienen. Das Gespräch mit Thomas Koch im Juister Café Baumann‘s, mittlerweile ist es schon wieder sechs Wochen her, hat bei mir noch mal den Blick dafür geschärft, worum es eigentlich beim Handel mit der Ware Buch geht.

Sicher, Koch ist in einer exponierten Lage, wie sie kaum ein anderer Buchhändler vorweisen kann, mal abgesehen vielleicht von den Kollegen auf den anderen Inseln. Ein wenig befindet er sich in der Tat auf einer „Insel der Seligen“, kein Thalia und kein DBH wird auf die Idee kommen, ein Buchkaufhaus auf Juist zu eröffnen. (mehr …)

Nicht jede unabhängige Buchhandlung ist ein toller Laden. Aber viele!

Der Abgesang auf den unabhängigen Buchhandel klassischer Prägung ist mittlerweile die musikalische Hintergrunduntermalung für jegliche Diskussion über den Handel mit Büchern. Mal sind es die großen Ketten, die den Garaus bedeuten, mal die Amazons dieser Welt, dann das eBook als solches und nicht zuletzt der sinkende Bildungsgrad und Anspruch der potenziellen Käuferschichten. (mehr …)

“Ein Buch für alle, die…” – Über Sinn und Unsinn von Klappentexten

Bücherschreiben ist ein einsames Geschäft. Monatelang (man hört auch von Jahren) sitzt der Autor vor seinem Manuskript, manchmal ringt er um jedes Wort, manchmal fließen die Gedanken nur so aus den Fingern in die Tastatur (bisweilen hört man auch von denen, die ihre Gedankenwelt noch per Hand aufs Blatt übertragen).
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Twitter ist nicht immer effektiv. Na und?

Es ist kein Wunder, dass Twitter Menschen außerhalb der Medienbranche nur schwer nahe zu bringen ist. Gefühlte 90 Prozent der deutschen Twitter-User schließlich sind Angehörige genau dieser Branche, und so entsteht ein gewissermaßen inzestuöser Charakter dieser Plattform, der das Treiben dort allen Außenstehenden eher als sinnfreie Spielerei und Zeitverschwendung erscheinen lässt.
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