Kleiner Messerundflug

Nachdem ich großkotzig angekündigt hatte, WÄHREND der Buchmesse AKTUELL zu bloggen und die Aktivitäten auf dieser Seite unmissverständlich anzeigen, dass ich das NATÜRLICH nicht geschafft habe, will ich wenigstens jetzt einen kleinen Überblick über die #fbm10 (so der Twitter-Hashtag) aus meiner Perspektive geben.

Ärger über die DB, ihre Mitarbeiter, Fahrpläne und Unzuverlässigkeiten können dieses Mal ausgeblendet werden, da mein vierrädriger japanischer Freund mit den drei Diamanten im Signet mich flugs gen Hessen beförderte und sich von den üblichen Staus rund um Ruhrgebiet und Rheinland nicht irritieren ließ.

Der Messestart war klasse, fiel doch der erste vereinbarte Termin gleich mal ins Wasser (zur Ehrenrettung der Gegenseite sei gesagt, dass wir ihn einen Tag später zur gleichen Zeit nachholen konnten…).

Danach jedoch waren meine drei Messetage von einer gewissen Atemlosigkeit geprägt, die sich angesichts der Fülle aus richtig-wichtigen Terminen, die Weichen für die nähere und mittlere Zukunft gestellt haben und den nicht minder wichtigen „weichen“ Terminen als Dauergefühl etablierte.

Was aus den richtig-wichtigen Terminen geworden ist, wird sich hoffentlich irgendwann auf den Neuerscheinungsregalen einer der kommenden Buchmessen niederschlagen. Die „weichen“ Termine bestanden aus Ereignissen wie „Twittagessen“, „Hot Spotting Book People in Social Media“, der Krönung von „Mr. und Mrs. Bookfair“ oder auch der Teilnahme an Happy Hours und abendlichen Verlagsparties.

Es ist immer wieder enorm zu sehen, wie viele richtig-wichtige und weiche Termine in gerade mal knapp drei Tage Frankfurt hineinpassen. Dass Schlafen nicht zu den zentralen Tätigkeiten des Messebesuchers gehört, versteht sich dabei von selbst.

Eins ist allen Terminen gemeinsam, das bestätigt sich Jahr um Jahr, und hat auch dieses Mal wieder bewiesen, dass diejenigen, für die „die Messe nicht so wichtig“ ist, daneben liegen: Egal, ob der Grund des Treffens ein Twittagessen an der Würstchenbude ist oder ein vorher vereinbarter Termin mit Agentin und Verlagsleiter, die guten Ideen scheinen sich im persönlichen Gespräch wie von selbst zu ergeben. All das, was Tage und Wochen am einsamen Schreibtisch nicht zu produzieren vermochten, fliegt einem im Messegespräch von ganz alleine zu. Ein ganz besonderer Dank geht also an die namentlich hier nicht genannten richtig-wichtigen Gesprächspartner und ebenso an all die nicht weniger wichtigen „weichen“ Gesprächspartner.

Die Twittagessen brachten ein Wiedersehen mit der Elite meiner Timeline, die Aufzählung hier beansprucht keine Vollständigkeit, darf aber gerne als ewig währender #ff gelesen werden:

Richard K. Breuer (@dschun), der der höchst lebendige Beweis dafür ist, dass die Wiener Literatentradition noch lange nicht ausgestorben ist. Richard: mit niemandem würde ich lieber eine Viertelstunde lang auf der Suche nach einem Kaffee über das Freigelände flanieren, es lohnt sich immer!

Stefanie Leo (@buecherkinder), die ich bisher nicht persönlich kannte und die von einer so ansteckenden Fröhlichkeit und Gradlinigkeit ist, dass sie einem im Handumdrehen gute Laune herbeizaubert

Miriam Semrau (@krimimimi33), für die die Fröhlichkeitsbemerkung bei Stefanie in gleichem Maße gilt und deren Power für mehrere Buchmessen hintereinander reichen würde. Nicht einmal ihre merkwürdige Schwäche für Roger W. kann meine Zuneigung hier ins Wanken bringen…

Steffen Meier (@steffenmeier), den ich mit diesem Foto schon wieder in die Bredouille gebracht habe und der an meinem Talent für Tweets, die als Kieselstein beginnen und als Lawine enden irgendwann verzweifeln wird

Philipp Weinbrenner (@DonBrandy), der für mich von vornherein als the one and only Mr. Bookfair feststand

Holger Reichard (@wortmax), mit dem ich zum ersten Mal länger plaudern konnte, was uns sofort zur Feststellung einiger Überschneidungen in unseren literarischen Vorlieben führte

Stefan Möller (@hedoniker), der eben Stefan und nicht Steffen heißt und beim Kuchenessen am Droemer-Stand eine ebenso gute Figur macht wie bei der Laudatio zur Mr./Mrs. Bookfair

Wibke Ladwig (@sinnundverstand), die der diesjährige Juist-Urlaub, bei dem wir uns kurz trafen, offensichtlich so beflügelt hat, dass sie nicht nur Mrs. Bookfair wurde, sondern auch zur absoluten Social-Media-Queen der Branche avancierte

Leander Wattig (@leanderwattig), der nicht nur „was mit Büchern“, sondern auch wieder jede Menge „auf der Messe“ machte, trotzdem Zeit für ein Stück Kirschstreuselkuchen hatte und als Werder-Bremen-Fan bei mir sowieso schon lange gewonnen hat

Patricia Keßler (@knaurverlag), die für den nun schon zweimal zitierten Kuchen verantwortlich zeichnete und diesen elegant parlierend am Droemer-Stand darbot. Dafür, dass meine Entscheidung, zur Droemer-Party zu gehen, eine Fehlentscheidung war, konnte sie wirklich nichts…

Karla Paul (@buchkolumne), die noch versuchte, mich am Freitag abend mit all den anderen zum Italiener zu schleppen. Die Absage dieses Angebots bedauerte ich spätestens beim „Genuss“ pappiger Pommes an einer ungenannten deutschen Autobahnraststätte

Heike Koschyk (@HeikeKoschyk), die einen Moment lang für einen Besuch bei der Mr./Mrs. Bookfair-Krönung ernsthaft überlegte, ihre Familie am Flughafen warten zu lassen, dies aber dann wohl doch nicht übers Herz brachte

Carsten Raimann (@craimann), den die Lahmarschigkeit einiger Marktteilnehmer in Sachen Social-Media genauso zum Wahnsinn treibt wie mich

Saskia Heinen (@SaskiaHeinen), die ich dieses Mal leider nur einmal kurz am UTB-Stand traf und die unvergleichlich hart im Nehmen ist: Freitag bis mittags auf der Messe, Rückfahrt, und dann noch im Laden ihre Frau stehen! Respekt!

Heike Schmidt (@HeikeSchmidt), die nicht nur die schärfsten roten Pumps der ganzen Messe trug, sondern ein weiteres Mitglied der Fröhlichkeits-Fraktion ist und meine Vermutung, dass UTB für „Unendlich Tolle Buchmenschen“ steht, ein weiteres Mal bestätigt hat

Ansonsten fiel mir stark erhöhte Promidichte auf, was tendenziell eher erhöhten Bedarf an Ghostwritern in den kommenden Jahren bedeuten könnte. Social-Media war in aller Munde, eBooks auch, und Vargas Llosa gewann den Literatur-Nobel-Preis. Der Messe-Mayer erwischte mich auch dieses Jahr wieder unvorteilhaft, ein beim AWS-Abend geschossenes Foto veröffentliche ich hier lieber nicht und die Random-House-Party am Mittwoch fand ich um Längen besser als die Droemer-Party am Donnerstag.

Soweit mein subjektiver Messebericht, nach Rückkehr in den Alltag werden dann auch an dieser Stelle wieder die wirklich wichtigen Branchenthemen angegangen…

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Es ist Buchmesse! Und alle fahren doch wieder hin…

Es ist jedes Jahr das gleiche Spiel. „Muss man überhaupt noch nach Frankfurt fahren?“,  „Viel zu voll, keine Ruhe für Gespräche“ oder auch erschöpfend „Das bringt doch eh nix…“

Das Ende vom Lied: Alle fahren wieder hin… Und das ist auch gut so. Auch ich werde mich Mittwoch in aller Herrgottsfrühe auf den weiten Weg von Ostfriesland in die Mainmetropole machen und ab Mittag in den allgemeinen Buchmenschen-Strom eintauchen. Und wissen Sie was: ich freu mich drauf!

Nach (technischer und zeitlicher) Möglichkeit werde ich via Blog noch aus Frankfurt ein paar Messeeindrücke zum Besten geben, auf jeden Fall aber ganz viel von dort twittern. Sowohl am Donnerstag als auch am Freitag plane ich einen Besuch der jeweiligen Twittagessen ein, wo hoffentlich auch Gelegenheit zu vielen Gesprächen mit vielen Leuten über viele Themen der Branche bestehen wird.

Bis bald, wir sehen uns hoffentlich in Frankfurt!

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Charmante Kritik an diversen Medienhypes

Das kursiert derzeit im Netz und ich finde es ziemlich charmant. Nimmt es doch den Hype, der mittlerweile um jedes neue technische Dingenskirchen gemacht wird, auf unaufgeregte Weise aufs Korn:

Kennen Sie BOOK?

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Nicht jeder, der ein Buch veröffentlicht, ist auch gleich ein Autor

Den provokanten Satz, der die Überschrift für diesen Artikel bildet, twitterte Texterin Juliane Weuffen (@rachelzwitscher) kürzlich und ich retweetete ihn, da er mir recht wahr erschien. Kurze Zeit später wies mich Wenke Richter (@digiwis) darauf hin, dass es zu diesem Thema kürzlich auf der Facebook-Seite von „Ich mach was mit Büchern“ einigermaßen heftige Diskussionen gegeben habe und es sich dabei um ein lohnenswertes Blogthema handeln könne.

Nun denn.

Ist dieser Satz einfach nur arrogant? Einfach nur richtig? Oder dürfen wir die Wahrheit wie so oft irgendwo in der Mitte vermuten? Zunächst muss man wohl zwei Dinge unterscheiden. Sowohl in der „Was mit Büchern“-Gruppe als auch bei der bemerkenswerten Serie von Tom Liehr im Literaturcafé geht es eher um die Unterscheidung zwischen der Armee von Hobbyautoren, die aus den unterschiedlichsten Gründen gar nicht erst in den Genuss einer „offiziellen“ Veröffentlichung ihrer Texte kommen und denjenigen, die professionell Textarbeit betreiben und im Buch-Betrieb Fuß fassen konnten. Die Frage von Juliane hingegen zielt durchaus auf letztere Gruppe ab und fordert hier noch einmal eine Unterscheidung ein.

Es könnte sich hierbei um den guten alten Streit zwischen E- und U-Literatur handeln. Sind Wölkchenbücher und Nackenbeißer (Danke an @domus_libri für den Hinweis!) Literatur und ihre Autoren „echte Autoren“? Oder braucht es schon mindestens eine ernsthafte Besprechung im Feuilleton, um als Autor gelten zu dürfen? Das gleiche gilt übrigens im Sachbuch: wie halten wir es mit dem Verfasser des siebenundneunzigtausendsten Esoterik-Ratgebers in Abgrenzung zu einem gelungenen Sachbuch über ein wichtiges historisches Thema. Charlotte Roche und Thilo Sarrazin haben Bücher geschrieben. Sind sie auch Autoren?

Ich bin geneigt, die Antwort auf die Frage dem Markt zu überlassen. Wer in einem Verlag ein Buch veröffentlicht hat (von unseren „Freunden“ von den Zuschussverlagen reden wir hier natürlich nicht), hat zumindest schon mal einige Zulassungsschranken passiert, über die ja auch Tom Liehr ausführlich schreibt. Es gibt einen Verleger, der den Text drucken will, es gibt einen Lektor, der am Text arbeitet, es gibt eine Marketingabteilung und Vertreter, die sich hoffentlich auch dafür einsetzen werden. Wer also diese Schranken passiert hat, darf mit Fug und Recht als Autor gelten.

Die Beurteilung der qualitativen Seite der Geschichte, auf die die Ausgangsfrage ja eigentlich abzielt, ist wohl jedem Leser persönlich anheimgestellt. Sind Autoren nur diejenigen, die schreiben, was mir gefällt und was ich für qualitativ hochstehend erachte? Oder gestehe ich der Autorin des erfolgreichen und auf ihre Art gut gemachten Wölkchenbuches auch zu, als Autorin durchzugehen?

Andersherum könnte man etwas provokativ fragen: lassen Verlage heute nicht zu viel Text durch ihre Schranken und entwerten damit den Status des Autoren? Der Blick auf die Unzahl der am Markt befindlichen Bücher legt diesen Schluss nahe. Hier ist die Kompetenz der Verlage angesprochen, die ich erst in den letzten Tagen wieder ernsthaft in Zweifel zu ziehen geneigt war.

Eine Kollegin, die mehrere (gute) Sachbücher veröffentlicht hat, erzählte mir von einem Angebot, als Ghostwriterin ein Buch zu schreiben. Sie zögerte jedoch mit Recht, das Angebot anzunehmen, denn hier hatte sich der Verlag offensichtlich von vornherein verkalkuliert. Er hatte einer Person, die nie zuvor ein Buch geschrieben hatte, vertraglich zugesagt, ihre Lebensgeschichte zu veröffentlichen, offensichtlich in der Hoffnung, damit auf dem Markt der Erfahrungsbücher landen zu können. Nun war man kurz vor der Deadline für die Manuskriptabgabe und musste feststellen, dass diese Person schlicht und ergreifend nicht schreiben konnte. Ständige Qualitätskontrolle im Laufe der Arbeit am Manuskript war augenscheinlich nicht erfolgt.  Meine Kollegin war nun auserkoren, in kürzester Zeit aus dem vorhandenen Wust einen lesbaren und verkäuflichen Text zu machen. Was ihr unmöglich erschien angesichts der Vorlage.

Vielleicht ist das der Knackpunkt. Dieses Buch wird u.U. erscheinen, der Verlag ist immerhin vertraglich an seine Zusage gebunden. Ist die Autorin dann wirklich Autorin? Wohl nur im juristischen und ganz ursprünglichen Sinne. Mit Qualität hat das nichts zu tun und der betreffende Verlag ist seiner Aufgabe als „Gatekeeper“ nicht nachgekommen.

Solche Dinge verwässern den Begriff des Autors und lassen den überschriftenstiftenden Satz als richtig erscheinen. 90.000 Neuerscheinungen im Jahr legen nahe, dass es sich dabei nicht um einen Einzelfall handelt.

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Der Streit ums Bestseller-Backen

Heute erscheint in der WELT ein Artikel, der sich mit dem Phänomen beschäftigt, dass nur noch großes mediales Getöse dazu führe, ein Sachbuch zu einem Bestseller zu machen. Die Reaktion einer Followerin, nachdem ich den Link zum Artikel twitterte, bestärkt mich darin, ein paar Takte dazu zu schreiben.

Ob man denn angesichts eines solchen, offensichtlich mit zweifelhaften Methoden erkauften, Erfolgs morgens noch in den Spiegel schauen könne, war sinngemäß die Frage der twitternden Journalistin und Buchautorin Petra von Cronenburg.

Nun, ich denke, man kann. Kein Autor der Welt muss sich dafür entschuldigen, dass die Menschen seine Bücher kaufen. Und diejenigen, die es gekauft und dann auch gelesen haben, können im Zweifelsfall wenigstens substantiell etwas zum Inhalt sagen. Im Gegensatz zu denen, die alles schon vorher wissen und dann ihrerseits mit substanzlosem Geplapper mediale Aufmerksamkeit erzeugen, die Parallelgesellschaft der Politik wie sie Norbert Bolz gestern abend bei Anne Will ganz richtig titulierte, lässt grüßen.

Was mir nicht gefällt, ist die Front, die hier aufgebaut wird, zwischen all den kleinen, unabhängigen Verlagen, die nur Nobelpreis-Verdächtiges zu produzieren scheinen und den großen (Konzern-)Verlagshäusern, die es offensichtlich ausschließlich darauf anlegen, den Leser für blöd zu verkaufen.

Es gibt schlechte Bücher in Kleinverlagen, und es gibt großartige Bücher in Großverlagen. Punkt. Umgekehrt genauso. Punkt. Dass die wenigsten Kleinverlags-Bücher dabei Bild-kompatibel sind, ist sicher Fakt. Dass sich kaum ein Kleinverleger dieser Möglichkeit bedienen wollen würde, wenn er sie denn hätte, wohl auch. Aber lässt sich daraus den großen Häusern ein Vorwurf ableiten? Ich glaube es nicht.

Es spricht eher für eine unfassbare Arroganz und Ignoranz der Leserentscheidung gegenüber, wenn in bester „Beleidigte-Leberwurst-Manier“ geklagt wird, manche Bücher liefen nur deshalb so gut, weil sie in BILD und SPIEGEL vorabgedruckt oder überhaupt nur erwähnt seien. Abgesehen davon, dass es durchaus Gegenbeispiele gibt, bei denen das nicht der Fall ist, halte ich es für ziemlich wohlfeil, sich über den Inhalt eines Buches nicht mehr austauschen zu wollen (bzw. zu glauben, das nicht mehr zu müssen), nur weil es sich gut verkauft.

Fakt ist, dass in den vergangenen Jahren viele Bücher deshalb erfolgreich waren, weil sie mit ihren Thesen auf eine Phalanx sehr starrer gegensätzlicher Meinungen trafen. Und man ist immer wieder fasziniert, wie geistig unbeweglich eigentlich intelligente Menschen sein können, wenn sie es sich in ihrer Meinungs-Ecke erst mal so richtig bequem eingerichtet haben. Die Tatsache, dass gegensätzliche Meinungen existieren, adelt jedoch keineswegs grundsätzlich diese Meinungen und entwertet auch nicht die Thesen des in Frage stehenden Buches. Dies kann immer nur im konstruktiven Dialog über die Thesen geschehen, was wiederum bedingt, dass man sie im Original gelesen hat. Und ein Grund sein könnte, das Buch zu kaufen.

Übrigens macht die WELT im Artikel selbst natürlich nichts anderes, als das, was die Autorin Inga Michler kritisiert. Sie nutzt DAS Reizwort der letzten Wochen, um Aufmerksamkeit für ein Thema zu wecken, das direkt mit der Überschrift gar nichts zu tun hat. Drüber steht nämlich: „Die Methode Sarrazin“.

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Buchhandlung Koch auf Juist. Oder: ein paar Gedanken zum unabhängigen Buchhandel

Heute ist in der September-Ausgabe des BuchMarkt mein Artikel über die Buchhandlung Koch auf der ostfriesischen Insel Juist erschienen. Das Gespräch mit Thomas Koch im Juister Café Baumann‘s, mittlerweile ist es schon wieder sechs Wochen her, hat bei mir noch mal den Blick dafür geschärft, worum es eigentlich beim Handel mit der Ware Buch geht.

Sicher, Koch ist in einer exponierten Lage, wie sie kaum ein anderer Buchhändler vorweisen kann, mal abgesehen vielleicht von den Kollegen auf den anderen Inseln. Ein wenig befindet er sich in der Tat auf einer „Insel der Seligen“, kein Thalia und kein DBH wird auf die Idee kommen, ein Buchkaufhaus auf Juist zu eröffnen.

Und doch ist nicht diese Tatsache der Grund, warum es Thomas Koch mit seiner Buchhandlung gut geht. Der Grund ist ein anderer, und er liegt in der Person des Buchhändlers und im Verständnis seines Berufs verborgen. Koch ist gerne Buchhändler, er schätzt seine Möglichkeiten realistisch ein und denkt unablässig darüber nach, was er rund um die Buchhandlung an Aktivitäten bieten kann, die letztlich auch wieder dem Laden zugutekommen.

Das Krimifestival „Tatort Töwerland“ ist da nur das auffälligste und bekannteste Beispiel, aber es zeigt sehr schön, wie man in Ruhe über Jahre hinweg ein Event etablieren kann, zu dem Autoren aus ganz Deutschland sich auf den bisweilen beschwerlichen Weg in den hohen Norden der Republik machen.

Koch macht das, was andere erfolgreiche unabhängige Buchhändler quer durchs Land auch machen. Die Möglichkeiten, die seine spezielle Lage bietet, erkennen und nutzen. Fürs Jammern, dass alles immer schlechter werde und niemand mehr gute Bücher zu schätzen wisse, bleibt da schlicht gar keine Zeit. Und das ist nicht der schlechteste Effekt.

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Nicht jede unabhängige Buchhandlung ist ein toller Laden. Aber viele!

Der Abgesang auf den unabhängigen Buchhandel klassischer Prägung ist mittlerweile die musikalische Hintergrunduntermalung für jegliche Diskussion über den Handel mit Büchern. Mal sind es die großen Ketten, die den Garaus bedeuten, mal die Amazons dieser Welt, dann das eBook als solches und nicht zuletzt der sinkende Bildungsgrad und Anspruch der potenziellen Käuferschichten.

Fast wundert man sich auf Reisen über die Menge an kleinen Buchläden, die einem unerwartet in Städten jedweder Größe dann doch begegnen, und man fragt sich automatisch: wie machen die das nur, warum sind die noch nicht gefressen worden?

Sicher: es sind immer wieder Läden darunter, bei denen man ernsthaft die weitere Existenzberechtigung anzweifeln könnte. Das gilt allerdings genauso für Schuhläden, Klamottenläden, Schmuckläden usw.. Auch diverse Fälle von offensichtlicher Selbstausbeutung sind mir in den letzten Jahren aufgefallen, nicht immer versteht man, warum die Inhaber sich das noch antun bzw. warum und wann sie den Absprung verpasst haben.

Doch statt ob solcher Phänomene einfach in den anschwellenden Abgesang einzustimmen, ist es doch viel sinnvoller, darüber nachzudenken, warum so manch unabhängiger Buchladen sich eben doch neben all der Konkurrenz behaupten kann.

Das einzige Patentrezept dabei dürfte sein, nicht nach Patentrezepten zu suchen. Es gibt ihn nicht, den erfolgreichen Buchladen vom Reißbrett, auch wenn der eine oder andere Betriebsberater das bisweilen tatsächlich zu glauben scheint. Es ist vielmehr eine Vielzahl individueller Faktoren, deren Mischung beim Publikum ankommt.

Freundlichkeit ist so ein Faktor. Ja, Freundlichkeit. Das ist beispielsweise, wenn man Kunden beim Eintreten begrüßt oder wenn man im Gespräch lächelt oder wenn man auf komplizierte Anfragen nicht mit „ham wa nich“ reagiert. Oder oder oder. Das ist selbstverständlich, meinen Sie? Keineswegs… Es ist nicht schwer, Läden zu finden, in denen die „Gefahr“ angesprochen und nach Wünschen gefragt zu werden, sehr klein ist. Und Buchhändler/innen, denen ich ihre aktuelle Stimmungslage aus dem Gesicht hätte ablesen können, sind mir auch schon oft genug begegnet.

Andere schaffen es hingegen, sofort das Gefühl zu vermitteln, in diesem Laden willkommen zu sein. Sie strahlen Freundlichkeit aus, ohne aufdringlich zu wirken.

Marketing ist auch ein Faktor. Erfolgreich sind oft die Buchhandlungen, deren Inhaber und Mitarbeiter verstanden haben, dass man den Leuten draußen ruhig mal von sich aus erzählen darf, wie gut man ist. Denn oft merken die das sonst gar nicht. Und kommen dann auch nicht. Und erzählen es auch nicht weiter. Marketing kann dabei vieles sein. Vom einheitlichen Erscheinungsbild (neudeutsch: Corporate Design) bis zu unverwechselbaren Veranstaltungen ist da vieles möglich. Nur darauf zu hoffen, dass die Aura guter Bücher die Menschen in den Laden lockt, reicht jedenfalls nicht.

Dass Marketing dabei keineswegs die finanziellen Möglichkeiten kleinerer Läden übersteigen muss, beweisen dabei viele, die mit viel Liebe zum Detail und witzigen Ideen Tragetaschen, Lesezeichen, Gutscheine und anderes gestalten oder sich in ihrem Umfeld als der Garant für (Klein)Kunst und Kultur etabliert haben.

Sogar Sauberkeit und Ordnung können Faktoren sein. Der Glaube seines Inhabers, Bücher hätten was mit Kreativität zu tun, und Kreativität und Chaos gehörten zusammen, ist manch einem Laden anzusehen. Da erinnert die Ordnung in Regalen und auf Tischen eher an die klassische Flohmarkt-Grabbelkiste, nach der sich niemand bücken mag.

Damit sind nur einige Punkte angesprochen, es gibt so viele mehr (die hier gerne in Kommentaren ergänzt werden dürfen!). Gelungene Beispiele für unabhängigen Buchhandel, wo diese und weitere Faktoren bedacht und toll umgesetzt worden sind, finden sich allerorten, in der Provinz so gut wie in Großstädten (dort sind es oft die Stadtteilbuchhandlungen, hinter denen sich wahre Perlen verbergen).

Es kann also klappen mit der kleinen und guten Buchhandlung, wenn man seine Kunden ernst nimmt, versucht, sie kennen zu lernen und sie König sein zu lassen.

Insofern: Geht offenen Auges durch die Buchhandelslandschaft, lasst den Abgesang Abgesang sein, entdeckt die Perlen, freut Euch an ihnen und erzählt von ihnen!

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“Ein Buch für alle, die…” – Über Sinn und Unsinn von Klappentexten

Bücherschreiben ist ein einsames Geschäft. Monatelang (man hört auch von Jahren) sitzt der Autor vor seinem Manuskript, manchmal ringt er um jedes Wort, manchmal fließen die Gedanken nur so aus den Fingern in die Tastatur (bisweilen hört man auch von denen, die ihre Gedankenwelt noch per Hand aufs Blatt übertragen).

Irgendwann jedoch naht der Zeitpunkt der Fertigstellung, Publikationstermine scheinen an einem für den Autor seltsamerweise immer fernen Horizont auf. Spätestens jetzt beginnen im Verlag, der sich freundlicherweise bereit erklärt hat, das Kunstwerk zu drucken und der wartenden Menschheit zu verkaufen, die üblichen Prozesse abzulaufen.

Dazu gehört, dass irgendwann über Klappentexte gesprochen werden muss. Bisweilen bekommt der Autor dabei ein scheinbares Mitspracherecht.

Das heißt, er, der doch ohnehin noch mit dem eigentlichen Text beschäftigt ist, ihm den letzten, entscheidenden Schliff angedeihen lässt, soll nun in einigen dürren Zeilen zusammenfassen, was ihn in den letzten Monaten davon abgehalten hat, ins Kino zu gehen, Freunde zu treffen oder dem Aufwachsen seiner Kinder mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Liest man in der Buchhandlung Klappentexte quer, ist klar, dass die wenigsten davon aus der Feder des Autors stammen. Im Gegenteil: Die Marketingabteilungen haben zugeschlagen, ganz tief in den Baukasten mit den Klappentext-Bauklötzchen gefasst und daraus einen Text gebastelt, der komischerweise (oder eben logischerweise) immer gleich klingt.

Enormer Beliebtheit erfreut sich beispielsweise die Formulierung „Ein Buch für alle, die…“ Hier hat der amazonisierte Zeitgeist voll zugeschlagen. „Wer Buch xy kaufte, kaufte auch dieses und jenes Buch“… Was bei amazon und Co. Noch als legitime Verkaufsstrategie durchgehen mag, ist für Klappentexte eigentlich eine Dummheit. Wie soll der Kunde sich für oder gegen ein Buch entscheiden, wenn er aus dem Klappentext nur erfährt, dass er sich eigentlich dagegen entscheiden müsste, weil er gar nicht zur Zielgruppe gehört? Warum steht im Klappentext wenig über den Inhalt des Buches, dass der Kunde in der Hand hat und viel über den Inhalt von Büchern, die in diesem Moment der Kaufentscheidung eigentlich gar keine Rolle spielen?

Nietzsche gab dem Zarathustra den Untertitel „Ein Buch für Alle und Keinen“, da er wohl unter seinen Zeitgenossen niemanden sah, der dieses Textes würdig sei. „Ein Buch für alle, die…“ zeugt von nietzscheanisch inspiriertem Denken in den Verlagen: Es sollen gar nicht alle Leser dieses Buch lesen, sondern eben nur die, die… Die anderen werden’s eh nicht verstehen.

Diese und andere Formulierungen fallen unter das Motto „Gut gedacht, schlecht gemacht“. Der mündige Leser braucht einen informativen Klappentext, der in zugespitzter Form den Inhalt und die Botschaft des Textes ausdrückt. Was er nicht braucht, ist eine Bevormundung durch den Verlag.

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Twitter ist nicht immer effektiv. Na und?

Es ist kein Wunder, dass Twitter Menschen außerhalb der Medienbranche nur schwer nahe zu bringen ist. Gefühlte 90 Prozent der deutschen Twitter-User schließlich sind Angehörige genau dieser Branche, und so entsteht ein gewissermaßen inzestuöser Charakter dieser Plattform, der das Treiben dort allen Außenstehenden eher als sinnfreie Spielerei und Zeitverschwendung erscheinen lässt.

Doch auch innerhalb der Medienschaffenden, und hier besonders innerhalb der Buchbranche, können sich viele, die man dort erwarten würde, noch immer nicht so recht mit dem Gezwitscher anfreunden.

Und wirklich fördert das offenbar angeborene Mitteilungsbedürfnis vieler Neu- und Alt-Buchhändler (auch bekannt als Antiquare), Verlagsleute, Autoren und Blogger erstaunliche Erkenntnisse über deren Privatleben zutage, bei denen die Frage nach dem Nutzen kaum zufriedenstellend wird beantwortet werden können.

Aber ist deswegen alles nichts wert, was über den Zwitscherkanal geht? Oder sehen wir uns hier auf eine Tugend zurückgeworfen, die schon die Nutzung von Offline-Medien bisweilen erschwert hat: das Treffen einer Auswahl, das Filtern von Informationen sowie den Mut zur Lücke?

Letzteres dürfte der Fall sein. Twitter, genauso wie andere Social-Media-Plattformen, gleicht derzeit noch einer großen Spielwiese. Jeder darf alles ausprobieren und muss sich wenig Gedanken darüber machen, ob er die anderen mit seinem Tun nervt. Denn die können ihn schließlich ausblenden und wegklicken.

Vielleicht kann in Zeiten der Fußball-WM aber auch die Analogie zum Testspiel zeigen, worum es geht. So wie in Testspielen oftmals alle in Frage kommenden Spieler zum Einsatz kommen und das Ergebnis zweitrangig ist, so probieren derzeit bei Twitter und Co. viele vieles aus und nehmen in Kauf, wenn etwas nicht funktioniert.

Wenn jedoch das Turnier startet, sprich: die Nutzung der sozialen Medien sich zunehmend professionalisiert, werden die, die viel trainiert haben, vorne dabei sein und so manches „No-go“ bereits ausgeschlossen haben. Wer glaubt, auf den fahrenden Zug aufspringen zu können, wenn dieser bereits Tempo aufgenommen hat, muss sich nicht wundern, wenn er sofort wieder runterfällt.

Und was das scheinbar überflüssige oder vielleicht manches Mal sogar peinliche Privatgezwitscher angeht: seien wir ehrlich, nichts anderes machen wir seit Jahren auf Messen, Tagungen, Vertreterbesuchen, zufälligen Treffen. Fachgespräche führen, Informationen aufnehmen und gleichzeitig erfahren, wie der andere „tickt“: man nennt es auch „menschliche Kommunikation“. Das ist bei Twitter nicht anders als auf der Buchmesseparty oder dem Pausenkaffee beim Seminar.

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