Bruen-tal gut – Jack Taylor und Co. endlich auf deutsch

Wann der Erstkontakt stattgefunden hat, weiß ich leider nicht mehr. Aber ich bin dem- oder derjenigen, die mich auf Ken Bruens Jack Taylor-Reihe im Atrium-Verlag aufmerksam gemacht hat, immer noch dankbar.

Ich muss dazusagen, dass ich nicht unbedingt zu den passionierten Krimi-Lesern gehöre. Auch wenn Sonntag abends auf Twitter die Zahl der Tweets mit dem Hashtag #tatort unüberschaubar wird, schalte ich eher ab. Und lese. Und zwar in letzter Zeit vermehrt…Krimis. Und daran ist Ken Bruen nicht ganz unschuldig.

Seine Jack Taylor-Krimis brechen mit einigen Standards des Genres. Es geht weniger um die Leichen, die Polizei, das Verbrechen als solches. Sondern es geht um die Verbrechen, die das Leben so an Jack Taylor, der Hauptfigur dieser Krimis, begangen hat. Es hat ihn rauskatapultiert aus dem Polizeidienst, und es hat ihn auch rauskatapultiert aus allen anderen Beziehungen, die er im Laufe seines Lebens so eingegangen ist. Weil Taylor die hohe Kunst der Diplomatie nicht beherrscht. Könnte man sagen. Oder weil er straight, grundehrlich und ein Gerechtigkeitsfanatiker ist. Könnte man auch sagen.

Die Jack-Taylor-Reihe, von der bisher drei Bände in der deutschen Übersetzung von Harry Rowohlt erschienen sind, ist über weite Strecken eine psychologische Studie der Hauptfigur. Wer allzu viel Introspektion und latente Handlungsarmut über viele Seiten hinweg so gar nicht mag, sollte eher nicht zu Bruen greifen. Und trotzdem muss ich sagen: wer nicht zu Bruen greift, verpasst was.

Das hat wohl mittlerweile auch der ehrenwerte Suhrkamp-Verlag gemerkt und neun Jahre nach dem Erscheinen des Originals „London Boulevard“ auf den Markt gebracht. Die psychologischen Parallelen zwischen Jack Taylor und der LB-Hauptfigur Mitchell sind offensichtlich. Beide sind oft vom Leben enttäuscht worden, kompensieren das mit jeder Menge Alkohol und auch anderem Stoff, setzen voll auf die Zynismus-Karte und geben sich als unnahbare einsame Wölfe. Und bei beiden ist die Sehnsucht nach echten Gefühlen, tiefen menschlichen Beziehungen doch jederzeit spürbar. Umso brutaler trifft es auch den Leser, wenn sich in Mitchells Leben die Frau zeigt, die ihn aus allem Ungemach retten könnte und diese ein paar Seiten später von seinen Gegenspielern brutal ermordet wird.

Das Leben spielt den Figuren Ken Bruens übel mit, und für den Leser ist die Lektüre somit Katharsis im Hinblick auf all die Idioten, die ihm in seinem täglichen Leben begegnen und verhindern, dass er es so leben kann, wie er gerne möchte.

So ein Buch, so wunderschön wie dieses…

Ich bin begeistert. Entzückt. Schmelze dahin vor freudvoller Fassungslosigkeit.

Der Grund? Ein Buch, natürlich. Nein, eigentlich sind es sogar drei Bücher, aber dazu gleich noch mehr.

Gestern jedenfalls, gestern zog unser DPD-Fahrer aus all den Paketen in seinem großen Lieferwagen nicht einfach nur ein kleines Päckchen für mich, sondern ein Kleinod. Ein großes Kleinod, zugegeben, denn das Format des Buches ist ein veritables Bildbandformat.

Wie? Ich soll endlich sagen, worum es geht? Na gut: „Hollywood in den 30er Jahren“ heißt das Schmuckstück, und es ist das dritte Buch einer Reihe, die Robert Nippoldt im Gerstenberg-Verlag herausgebracht hat.

Es ist allerdings keine Buchreihe im eigentlichen Sinn, sondern bisher ein Trio von Büchern, die sich in ihrer liebevollen Ausstattung und ihrem bibliophilen Anspruch gleichen, wenngleich sie unterschiedliche Themen behandeln.

Die ersten beiden Bände hießen „Gangster – Die Bosse von Chicago“ und „Jazz im wilden New York der Zwanziger“. Nun also „Hollywood in den 30er Jahren“, und damit wird dann doch sowas wie ein einheitliches Reihenthema ersichtlich. Robert Nippoldt ist fasziniert vom Amerika des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts, und er gewinnt dieser Zeit ihre entscheidenden Facetten auf eine Art und Weise ab, die den Leser und Betrachter das Buch ehrfürchtig blättern lässt.

Ich schreibe mit Absicht „Leser und Betrachter“, denn Nippoldts Bücher sind sowohl Lese- als auch Bilderbücher, und Nippoldt selbst zeichnet für die Illustrationen verantwortlich. Der Hollywood-Band ist getextet von Daniel Kothenschulte, beim Jazz-Buch hat Experte Hans-Jürgen Schaal für die inhaltliche Qualität gesorgt, und die Gangster hat Robert Nippoldt gleich selbst geschrieben.

„Hollywood in den 30er Jahren“ präsentiert Schauspieler, Techniker, Filmfiguren, die für große Momente der Filmgeschichte gesorgt haben. Bereits die Farbe des Leineneinbands verweist dabei darauf, dass es sich hier um eine goldene Zeit gehandelt haben muss, die den Mythos Hollywood begründete. Charlie Chaplin kommt genauso vor wie Mae West und King Kong, eine ordentliche Mischung also, die Nippoldt kühn mit einer Illustrationstechnik zwischen Holzschnitt und Comic in Szene setzt und Kothenschultes Texte somit kongenial ergänzt.

Wie man merkt, ist dies weniger eine Rezension als eine Huldigung, doch hat der Gerstenberg-Verlag dies durchaus verdient, produzieren sie doch ein ums andere Mal Inseln der Seligen im Meer der Novitäten. Und mit Nippoldts Büchern sogar noch die Oasen auf den Inseln dazu.

Wer also mal wieder schwärmen möchte, sowohl für schöne Bücher als auch für die großen Filmmomente der Frühzeit, der ist mit diesem Buch gut bedient, und sollte auch den Erwerb der anderen beiden Bände durchaus in Erwägung ziehen!

Zwei Journalisten im Offline-Wunderland. Sowas wie eine Rezension

Alex Rühle und Christian Koch waren offline. Ersterer ein halbes Jahr, letzterer sechs Wochen. Und da schreiben nun mal ihr Job ist, haben sie gleich mal so ein altmodisches Ding daraus gemacht, für das man nicht mal ein Lesegerät braucht.

Die Verlage Klett-Cotta (Rühle) und Blanvalet (Koch) haben’s gedruckt, und nun dürfen wir Blogger, Twitterer, Facebooker und sonstigen Online-Afficionados überlegen, ob wir uns darin wiederfinden oder nicht.

Blöderweise muss ich gestehen: hätte ich in beiden Büchern alle Stellen markiert, an denen ich mich wiederfinde, hätte ein einzelner Block mit diesen bunten „Pagemarkern“ wohl nicht ausgereicht. Beide beschreiben anschaulich im Tagebuchstil, wie sehr ihnen das stete On-Sein in Fleisch und Blut übergegangen ist, und es überkommt einen ein seltsames Gefühl der Komplizenschaft. (mehr …)